• Valeria

Was ist strafbar und was muss ich ertragen?

Aktualisiert: Juni 19

Vor zwei Jahren war ich auf dem Weg zu meinen Eltern. Ich saß in der U-Bahn, als ein älterer Mann einstieg und sich auf den Platz gegenüber von mir setzte. Er fragte Irgendetwas und ich wollte nicht unhöflich sein und antwortete ihm. Er fing an, immer mehr zu fragen und persönlicher zu werden. Ich fühlte mich immer unwohler dabei und antwortete so kurz und unpersönlich wie möglich. Er merkte, dass ich mich unwohl fühlte. Plötzlich lehnte er sich nach vorne und berührte mit seiner Hand mein Knie. Ich stand auf und stieg aus. Er folgte mir - aber ging dann in eine andere Richtung. Die Menschen um mich herum unterhielten sich darüber, was für grausame Menschen es gibt. Aber keiner von ihnen kam zu mir und half mir. Ich war erst 14.

Vor zwei Tagen saß ich in der Bahn. Ein Mann setzte sich auf den Platz neben mir, was mich sehr verunsicherte. Social Distancing und so. Die Leute schauten mit ein wenig irritierten Blicken zu mir herüber. Der Mann saß breitbeinig auf seinem Platz. Irgendwann saß er so breit da, dass er mich berührte. Es störte ihn nicht, im Gegenteil. - Ich stieg aus. Und lief den restlichen Weg nach Hause.


Die Konsequenzen für mich


Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt so etwas zu lesen. Aber ich weiß, dass es mir nicht leichtfällt, das aufzuschreiben. Wobei das Aufschreiben an sich nicht das Problem ist, sondern viel mehr die Folgen des Vorfalls vor zwei Jahren. Ich hatte monatelang Angst davor in eine Bahn zu steigen. Es wurde mit der Zeit besser und ich konnte es immer besser verdrängen. Doch bestimmte Situation lösen in mir immer noch schlimme Flashbacks aus. Die Situation vor zwei Tagen hat mich so sehr verunsichert und aufgewühlt, dass ich den ganzen Tag in einem Gefühl der Ohnmacht schwebte. Das Gefühl, dass die Hand des Mannes auf meinem Knie liegt, geht nicht weg. Ich fühle mich eingesperrt in meinem Körper und unsicher.

Während ich es nicht einmal schaffe den Menschen, denen ich vertraue davon zu erzählen, schwirren unzählige Fragen in meinem Kopf.

Bin ich selbst schuld? Ist es wirklich schlimm, was passiert ist, oder habe ich überreagiert? Wird es jemand verstehen? Und warum haben die Menschen zugesehen und nichts getan?





Warum schaut man weg?


Und während ich noch gar nicht weiß, was das Fazit dieses Textes sein wird, mache ich mir Gedanken darüber, was es wohl für Konsequenzen haben wird, einen solchen Text zu veröffentlichen. Es könnte mich angreifbar machen. Obwohl ich gar nichts falsch gemacht habe. Im Gegenteil. Ich glaube, dass es unglaublich wichtig ist darüber zu reden. Es noch viel mehr zu thematisieren. Und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Denn sexualisierte Gewalt macht keinen Halt vor gesellschaftlichem Ansehen oder Äußerlichkeiten und auch nicht vor dem Alter eines Menschen.

Doch anstatt offen darüber zu reden, bereits im Jugendalter darüber aufzuklären und sichere Orte zu schaffen, leben wir in einer Gesellschaft, in der diese und andere Arten von Gewalt still geduldet werden. Als gebe es keine Gewalt, wenn man nicht über sie redet. Dennoch schauen die Menschen nicht weg. – Nein. Dafür sind sie viel zu neugierig. Sie schauen zu und schweigen.


Der Schrei nach Schutz


Als ich meiner Therapeutin den Textentwurf zeigte und erzählte, dass ich ihn gerne veröffentlichen würde, schaute sie mich ein wenig irritiert an. Sie meinte, dass sie das starke Bedürfnis hätte, mich mit dem, was mir passiert ist zu schützen. So etwas in die Öffentlichkeit zu tragen wäre für sie das Gegenteil. Ich habe lange darüber nachgedacht. Aber das Problem ist doch, dass es bereits zu spät ist, mich zu schützen. Es ist bereits passiert und keiner hat es verhindert. Aber ihre Worte verunsicherten mich dennoch und bestimmt verunsichern solche Sätze nicht nur mich. Denn dadurch entsteht aus dem Wunsch darüber zu reden, der Wunsch sich zu schützen. Das klingt so logisch, dass wir eine Mauer in uns bauen und anfangen zu schweigen. Dann schämen wir uns und dann fühlen wir uns schuldig. – Das ist nicht richtig!

Schreit. Wert euch. Und erzählt es so vielen Menschen wie möglich. Es öffentlich zu machen, ist der beste Schutz. Für euch. Und für alle anderen. Denn wenn die Menschen wissen, was tagtäglich passiert in der Welt und man es ihnen immer wieder vor Augen führt, dann können sie nicht schweigen. Denn wenn sie schweigen, wird man sie fragen, auch welcher Seite sie standen. Enthaltungen gibt es nicht. Entweder man wehrt sich und schützt andere, oder man ist mitschuldig.

Das Recht auf Unversehrtheit


Das war meine Geschichte. Ich habe es damals einfach ertragen und geschwiegen und muss heute immer noch mit den Folgen klar kommen. Auch wenn „nichts weiter Schlimmes“ passiert ist, haben diese Männer mir ein Stück meiner Lebensqualität genommen. – Er hat kein Recht dazu.

Niemand muss so etwas ertragen. Egal welche Art von Gewalt. Und seien es „nur“ Worte. Alles hinterlässt Spuren und kann einen Menschen schwer traumatisieren. Die Frage, was denn strafbar ist und was nicht, ist schwer zu beantworten. Auch wenn im Grundgesetz steht, dass jeder Mensch das Recht auf körperliche Unversehrtheit hat und jegliche Form von Gewalt diese Unversehrtheit gefährdet. Die Meisten haben damit ihr Leben lang zu kämpfen.

Das Wichtigste ist: Ich muss mir von keinem Menschen auf der Welt sagen lassen, dass es nicht schlimm genug wäre, was passiert ist. Und ich muss nichts davon ertragen! - Niemand muss das ertragen.

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