• Charlotte von Bonin

Warum ich als Klimaaktivstin einen selbstbestimmten Philosophie-Studiengang aufbaue

Aktualisiert: 21. Dez 2020


"Philosophie-Spaziergang." I Charlotte von Bonin, Privat I CC BY-SA 2.0



Fragen nach einer klimagerechten Welt und einem anderen menschlichen Miteinander fand ich nicht auf staubigen Schulbänken, ich fand sie auf Demonstrationen und in vielen Gesprächen, die außerhalb der Universitäten und Schulen stattfanden Dennoch habe ich schnell bemerkt: Ich brauche ein richtiges Studium, wo ich mich selbstbestimmt diesen Fragen zu den Herausforderungen unserer Zeit widmen darf. Eine Studiengruppe, mit der ich gemeinsam einen längeren, intensiven Bildungsweg gehen darf. Wo ich das Privileg habe, mich in freilassender Begleitung und vertieft auf gesellschaftliche Themen zu fokussieren. Ich habe mich dabei wohl auf einen wahrhaften Drahtseilakt eingelassen. Auf der anderen Seite steht mein Bedürfnis nach geschützten Bildungsräumen, in denen ich mich ausprobieren, erforschen und entwickeln kann und nicht mir der permanenten Dringlichkeit der Krisen unserer Zeit konfrontiert bin. Ich frage mich: Wie kann ich die Balance halten zwischen diesen beiden Seiten? Kann ich mich frei und ohne Bedrängnis als Mensch entwickeln, wenn die immer lauter werdenden Zeitfragen drohen, mich aus dem Gleichgewicht zu bringen?

Die Zeitfragen begegneten mir in schmerzhafter Weise, als mir klar wurde, dass wir mit unserer Art zu Leben die Zukunft unsicher und den Planeten Erde kaputt machen. Als mir klar wurde, wie viel sich verändern muss, damit ich noch mit gutem Gewissen ein Kind bekommen kann. Ich stand an meinem Fenster und blickte auf die breite, asphaltierte Hauptstraße. Der Geruch vom nahen Fast-Food-Imbiss stieg mir in die Nase. Da hörte ich es: Ein kleiner Vogel saß auf dem Blitzableiter des benachbarten Gebäudes. Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich wusste, ich muss etwas tun. Wenn es nur für dieses Vögelchen ist.

An diesen Moment erinnere ich mich oft, wenn ich im ruhigen Seminarraum sitze und die drängenden Fragen einen Schritt zurücktreten. In diesen Momenten gerate ich manchmal ins Wanken, wenn die Fragen nach einem anderen Leben laut werden.

Weltverändern studieren

Ich wollte mich auf diesen Drahtseilakt einlassen. Deswegen suchte ich nach einem Studium, das mir einerseits Fähigkeitsbildung und geschützte Entwicklungsräume ermöglicht, und sich zugleich den Fragen der Welt zuwendet. Auf diesem Weg begegnete ich Jugendlichen, die sich entschlossen hatten, einen selbstbestimmten Bildungsweg zu gehen. Die Initiative „Selbstbestimmt Studieren“ ist seit 2017 dabei, einen Studiengang selbst aufzubauen, welcher sich den drängenden Zeitfragen widmet und zugleich einen Raum bietet, die eigenen Fähigkeiten zu entfalten. Seit Oktober 2019 beschäftigen wir uns im Studiengang „Philosophie und Gesellschaftsgestaltung“ mit grundlegenden Fragen, die wir als junge Menschen haben. Dazu gehört die Frage nach dem Sinn unserer Existenz, nach Ethik und nach Selbstbestimmung. Immer wieder suchen wir im gemeinsamen Austausch den Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen vor dem Hintergrund der ökologischen und sozialen Krisen. Aufgrund meines „Involviert-Seins“ in der Klimagerechtigkeitsszene bringe ich und einige Mitstudierende die dort aufkommenden existenziellen Fragen mit in die Seminare. Dort haben wir in selbstbenannten Studienbereiche wie „Grundprobleme der Gegenwart“ den Spielraum, uns unseren Fragen zu widmen. Zur Verwirklichung des Projektes erfahren wir unter Anderem große Unterstützung durch Menschen der Kueser Akademie für europäische Geistesgeschichte, die uns auf unserem selbstbestimmten Bildungsweg begleiten. Für unsere Seminare treffen wir uns einmal monatlich und leben eine Woche zusammen, während wir uns mit den zuvor online abgestimmten Themen auseinandersetzen. Dabei probieren wir unterschiedliche Arten von inhaltlicher Arbeit aus: Texte gemeinsam lesen und diskutieren, Lernen im Gruppendialog, Diskussionen und Vorlesungen. Die Zusammenarbeit innerhalb des Projektes gestaltet sich immer wieder neu, da sich auch die Verhältnisse ändern. Zum Beispiel wird ab Herbst ein neuer Jahrgang einsteigen in das Studium, was vieles verändern wird.


Hinterfragen und Beobachten

Oft fragen mich Außenstehende, warum wir uns denn für die Philosophie entschieden hätten. Das würde doch überhaupt nicht unserem Anliegen an aktuelle Fragen und Herausforderungen entsprechen. Doch vielleicht braucht Bildung genau diesen Fokus auf mich selbst und meine Fähigkeiten. So kann ich mich in einem Schutzraum entwickeln und in Ruhe bilden. In praktischen Philosophie-Übungen wenden wir uns gleichzeitig uns und der Welt zu: Beim bewussten Wahrnehmen und Denken lernen wir uns und unsere individuellen Fähigkeiten überhaupt erst bewusster kennen. Zum Beispiel haben wir uns mit unserem Erinnerungsvermögen befasst. Dabei habe ich eine Kindheitserinnerung aufgeschrieben und währenddessen beobachtet, wie ich mich erinnere. So können wir unsere Verbindung mit der Welt reflektieren und uns einigen Grundproblemen der Gegenwart auf ganz andere Weise nähern als wir es normalerweise tun. Ich trete bei den Selbstreflexionsübungen einen Schritt zurück und lassen den Lärm der Welt stiller werden. Es entsteht ein Bildungsraum, in dem ich den Blick auf uns Menschen mit individuellen Fähigkeiten, und zugleich auf die Welt mit ihren vielfältigen Herausforderungen richte. In der Philosophie lernen wir, unser Verhältnis zu unserer Mit-Welt zu beobachten und zu hinterfragen.

Wenn wir uns mit der Geschichte befassen blicken wir in der Zeit zurück und können unsere heutige technisch-materialistisch orientierte Weltperspektive erweitern. Dabei lernen wir, uns in andere Weltbilder hineinzudenken und mit zu vollziehen, wie diese entstanden sind. Bei der Auseinandersetzung mit der Menschheitsgeschichte, und dem Bezug dieser zur eigenen Biografie können wir eine Außenperspektive auf aktuelle Themen gewinnen. Wir möchten möglichst viele Perspektiven miteinbeziehen, und über unseren heutigen Möglichkeitshorizont hinausdenken lernen. Friedrich Schiller personifiziert die Geschichte sogar. Er erklärt, sie spreche zum Individuum. Was hat das für eine Bedeutung, wenn ich mit der Geschichte sprechen lerne, wenn ich vielleicht erst einmal ihre Sprache lernen muss, um sie zu verstehen? Wenn wir mit der Geschichte im Rücken das Heute betrachten, können wir mit mehr Weitblick agieren und Erfahrungen aus der Menschheitsgeschichte miteinbeziehen. Doch an dieser Stelle dürfen wir nicht vergessen: Die Geschichte wird von Menschen gemacht und geschrieben. In der Vergangenheit schrieben meist weiße, westliche Männer diese Geschichte, die von viel Gewalt und Unterdrückung geprägt ist. Andere Gesellschaften kennen so etwas wie die europäische Geschichtsschreibung nicht, da sie in ihrem Zusammenleben ganz andere Dinge im Fokus haben. Diese indigenen Gesellschaften werden in der eurozentrischen Geschichtsschreibung ausgeklammert. Mir ist es einerseits wichtig, neue Geschichten über die Welt zu hören und mir bewusst zu werden, woher mein heutiges Verständnis von Geschichte kommt. So kann ich mich in ein Verhältnis mit der gelernten Geschichte und neuen Perspektiven setzen.

Wir könnten dieses Vorgehen mit unserer eigenen Lebenserfahrung vergleichen. Wer würde denn auf all die wertvollen Erkenntnisse, Erfahrungen und Entwicklungsschritte des eigenen Lebens verzichten wollen? Wenn ich eine wichtige Entscheidung treffe, dann beziehe ich meine Biographie immer mit ein, ich kommuniziere mit meiner Geschichte und habe auf dieser Basis die Möglichkeit, durchdachte Handlungen einzuleiten. Auch als Gesellschaft brauchen wir einen neuen Blick auf die Biographie der Menschheit, um die Zukunft ergreifen zu können. Und diese Biographie ist nicht nur die Geschichte des Handelns (ach so großartiger Männer), sondern auch die Geschichte des Denkens und Fühlens.


Der Drahtseilakt

Seit meinem Studium haben sich in meinem Aktivismus einige Aspekte verändert. In Diskussionen denke ich länger nach und hinterfrage mich öfter als früher. Mir ist klar geworden: Die Art und Weise wie ich denke ist vor allem durch meine Biografie geprägt worden und ich lerne mehr, wenn ich besser zuhöre. Statt meinen „Standpunkt“ vehement zu verteidigen wird mir immer öfter bewusst, dass mein Horizont doch noch sehr niedrig ist. Immer öfter wurde in den letzten Monaten die Frage laut, mit welchem Recht ich meine, die Welt zu einem „besseren Ort“ zu machen. Anfangs hat mich die Frage verunsichert, doch mit der Zeit habe ich bemerkt, wie wertvoll es ist, vorsichtig tastend und lauschend unterwegs zu sein. Und ich habe ein paar Grundsätze mir gebildet, die mir den Halt in meinem Tun geben, den ich im Moment noch brauche: Alle Menschen haben das gleiche Recht auf ein gutes Leben. Ich möchte mich für eine gerechtere Welt einsetzen. Alle Lebewesen sind gleich wertvoll.

Durch meine vielen Fragen und die Lebenshaltung versuche ich das Gelernte immer wieder zu integrieren. Dazu kommen auch noch einige praktische Fähigkeiten, die ich in der Projektarbeit erlerne, die mir mehr Sicherheit beim Aktivismus geben. Andersherum bringe ich aus dem Klimaaktivimus viele neue Fragen in mein Studium. Ich frage mich, was Gerechtigkeit sein kann, was meine Aufgabe ist und wie ich mir veralteter Denkmuster (in denen ich mich oft wiederfinde) bewusst werde, und diese verändern kann.

Noch immer ist es eine Herausforderung, mich ganz auf meine Bildung zu konzentrieren. Das liegt daran, dass ich an die Dringlichkeit der Veränderung in unserer Welt denken muss. Durch meinen Aktivismus bin ich ständig konfrontiert mit Studien über die Zukunft unseres Planeten. Ich höre von Menschen, die unter den Folgen der zahlreichen Krisen existenziell leiden. Gleichzeitig lese ich von leeren Versprechen seitens der Politik. Die eigene Machtlosigkeit lässt mich in solchen Momenten verzweifeln. Der Druck lastet auf meinen Schultern und ich vergesse, dass ich nicht alleine die Welt retten werde und kann. Dennoch ist die Lage nicht hoffnungslos. Veränderung ist möglich und notwendig. Und durch einen selbstbestimmten Studiengang sind wir ein realer Teil dieser Veränderung und gestalten mit anderen Menschen eine gerechtere Welt.


Wenn du noch mehr über uns erfahren willst, dann kannst du dich gerne auf unserer Website www.selbstbestimmt-studieren.org informieren.