• Valeria

Warum geben wir nicht einfach auf?


Normalität im November


Der 27. November 2020, es ist Freitagnachmittag. Es ist kalt und niemand scheint wahrzunehmen was gerade eigentlich passiert. Die Menschen laufen mit ihren Einkaufstüten über die Königsstraße. Sie tragen ihre Tüten in der Hand und die Masken im Gesicht und man könnte fast meinen es wäre ein ganz normaler Freitagnachmittag. Doch das ist er nicht.


„Könnt ihr euch vorstellen, dass es Menschen gibt, die in den letzten zwei Wochen einfach ganz entspannt ihrem Alltag nachgegangen sind?“- ich schaue verwirrt, als Leon diese Frage stellt. Wir sitzen in der Nachbesprechung eine Telefonkonferenz und reden über die Oberbürgermeisterwahlen. Es ist eigentlich keine Frage, vielmehr ist die Frage: „Wer ist denn nicht einfach ganz entspannt seinem Alltag nachgegangen?“ Naja da sind nur so ein paar, viele Menschen, die versucht haben aufzuzeigen, wie wichtig die Wahl für unsere Zukunft ist.


Heute Mittag hieß es „Es stehen nur noch zwei Baumhäuser, Nirgendwo wird zerstört!“, schon kurz darauf kam die Nachricht „Nirgendwo gibt es nicht mehr“- Wo oder was ist dieses Nirgendwo, ist es ein Grund zum Trauern, denken sich nun vielleicht die meisten. Es klingt wie ein Märchen, das man seinen Kindern erzählt. Ein magischer Ort…. Bunt und schön, Vergangenheit eben. Ein Stückchen Wald, war Nirgendwo. Ein Stückchen Erde.


„Schaffen und Gendern“ Und „Schaffen statt Gendern“ – stehen nebeneinander, dabei existiert das Wort Gendern in der Autorkorrektur gar nicht. Darüber hinaus wissen wir gar nicht, worum geht es hier eigentlich? Brauchen wir wirklich einen neuen Oberbürgermeister? Einen mit den ganzen Fahrradwegen, oder doch lieber den, der mit 120 in Richtung Wirtschaftswachstum fährt.


Aufgeben und Kämpfen?


„Entweder wir geben jetzt alles! Oder wir hören jetzt auf. Ein Mittelding gibt es nicht.“ – Wie oft haben wir uns in den letzten Wochen diesen Satz immer wieder ins Gedächtnis gerufen, wie oft sind wir in den letzten Wochen wieder aufgestanden? Egal ob müde, erschöpft und oder gestresst. Alles geben ist nun mal alles andere, als entspannt einem Alltag nachgehen. Wir haben uns dafür entschieden, alles zu versuchen und sind damit einem Denken verfallen, gegen das wir eigentlich schon so lange ankämpfen. Während wir für die Menschen und für die Erde kämpfen, vergessen wir beim Alles geben, manchmal, dass wir alles gar nicht erreichen können. Wir vergessen die Pausen und wir vergessen uns selbst. „Alles“ ist viel größer, als wir es je sein werden. Und „Alles“ ist eben dadurch auch unerreichbar.


Die Hoffnung im Unsichtbaren


Irgendwo inmitten der vielen Menschen steht eine Gruppe im Kreis. Mitten in der Stadt, an diesem Freitagnachmittag. Und doch scheint sie unsichtbar zu sein. Doch noch viel unsichtbarer sind die Schmerzen, die Gedanken und die Tränen. Die Wut ist groß, aber noch größer ist die Hilflosigkeit. „Wie kann das alles, was wir tun, denn bitte nicht genug sein. Wieso sind die Menschen so, so naiv und unsensibel?“ - Wir sind über unsere Grenzen gegangen, egal ob in Waldbesetzungen, stundenlangen Telefonkonferenz oder insgesamt mit den eigenen Kräften. Wir haben alles versucht und doch ist es einfach nicht genug. Trotz allem, was wir versucht haben ist Nirgendwo zerstört, der neue Oberbürgermeister für die nächsten acht Jahre gewählt und gegendert wird vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

Niemand sieht die Schmerzen, die Gedanken und die Tränen. Es ist frustrierend, denn die ganzen Menschen könnten doch endlich merken, dass wir so nicht weitermachen dürfen. Ein weiter so, wird so nicht funktionieren. Warum ändert sich denn dann nichts?

Vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es an der Zeit aufzugeben und es so hinzunehmen wie es ist. Vielleicht, aber weißt du was? Es ist noch nicht das Ende und es ist noch nicht vorbei und auch wenn der Weg noch lang und schwer ist, sehen wir das, was die anderen noch nicht sehen. Wir sehen die Krise, die Gefahr. Aber wir sehen auch die Menschen, die im Kreis auf der Königsstraße stehen. Sie sind da. Und ja sie sind frustriert und verzweifelt, aber sie sind da. Mit all ihrer Kraft und ihrem Mut und sie machen weiter und lachen und weinen und kämpfen und sie sehen: Den Wald, die Natur, die Menschen und die Zukunft.


Und ich sehe dich. Und ich sehe deinen Schmerz und deine Tränen. Und ich weiß, dass es weh tut und dein Herz jedes Mal bricht, wenn du die Nachrichten liest. Es ist ungerecht und ja wir können die Menschen nicht ändern, aber wir können versuchen es besser machen. Und wer weiß, vielleicht werden wir ja immer mehr.

Wir können uns entscheiden zu kämpfen, wir können uns entscheiden zu bleiben und wir können entscheiden für dieses Leben. Aber ganz egal, wie du dich entscheidest, du wirst niemals alleine kämpfen müssen.