• Charlotte von Bonin

Wachstum und Imperialismus



Photo by Ben Engelhard


"Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal wegen der Corona-Krise in Rekordtempo eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel von April bis Juni um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt in einer Schnellmeldung mitteilte. Das sei der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen Berechnungen für Deutschland im Jahr 1970", schreibt die Tagesschau am 30.7.2020. Doch was ist Wirtschaftswachstum und warum rennen wir heute diesem Ideal so hinterher? Um diese Frage zu verstehen brauchen wir einige Grundlagen. Im Moment wird Wirtschaftswachstum am BIP, dem Bruttoinlandsprodukt gemessen, welches als Wohlstandsindikator gilt. „Die Wirtschaft“ wird oft als ein abstraktes Gebilde von Theorien dargestellt, jedoch hat die Wirtschaft sehr viel mit unserem persönlichen Leben zu tun. Wir sind nämlich als Konsument*innen und Arbeitende ein Teil der Wirtschaft.


BIP?!

Kritiker*innen sagen, dass das BIP, (welches aus Unternehmensinvestitionen + Ausgaben der privaten Haushalte + Staatsausgaben – Nettoexport berechnet wird) zwar etwas über dem Verbrauch aussagt, jedoch nichts über den Wohlstand an sich, wenn mensch unter „Wohlstand“ mehr als monetären (also in Geld gemessen) Zuwachs für einige Wenige versteht. Im Moment besitzen in Deutschland, laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das oberste Hundertst bereits rund 35 Prozent der individuellen Nettovermögen. Die reichsten zehn Prozent kommen gemeinsam auf 67,3 Prozent der Vermögen. Doch ab einem bestimmten Stadium an Wohlstand werden wir nicht glücklicher.


Was ist denn das Ziel unseres Wirtschaftens?

Als Ziel unserer Wirtschaft kann mensch die Versorgung der Gesellschaft, die Erfüllung der Grundbedürfnisse und die Einteilung von Ressourcen sehen. Dennoch sind im Moment alle Blicke auf das BIP (was übersetzt eigentlich nur erhöhten Verbrauch anzeigt) gerichtet, und mensch atmet scharf ein bei der Nachricht, das BIP sei gesunken. Denn das bedeutet weniger Steuergelder, weniger Staatsausgaben, welche als erstes im Sozialbereich gekürzt werden. Besonders im Moment mit der Coronakrise spielt das Bruttoinlandsprodukt eine große Rolle, die Angst vor einer Rezession ist spürbar. Stagnation im kapitalistischen Wirtschaftssystem heißt Verlust von Arbeitsplätzen und Krise. Deswegen wird im Moment verzweifelt versucht, mit Konjunkturpaketen große Unternehmen zu retten, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. An der Wirtschaftskrise 2008 lässt sich beobachten: Mit einer schnell wachsenden Wirtschaft steigt der CO2-Ausstoß stark an. Diesen „Rebound-Effekt“ können wir uns angesichts der Klimakrise aber nicht mehr leisten. Was wollen wir mit viel Geld auf einem toten Planeten? Du ahnst es: Da läuft nichts mehr!


Storytime: Woher kommt unser Wirtschaftssystem und das BIP?

Die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems stammen aus dem Imperialismus. Die Grundsätze Expansion, Wettbewerb, erschließen von Ressourcen, Kostenauslagerung, Ausbeutung und Konkurrenz sind bis heute Teil unseres Wirtschaftens geblieben.


Die imperiale Lebensweise

Die Geschichte der europäischen Expansion geht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Durch die Reformation wurde ein Wirtschaftsschub ausgelöst, da gut ausgebildete Menschen nicht mehr im Dienst der Kirche standen, und stattdessen innovativ in die Gesellschaft wirkten. Die europäische Expansion, welche auf Kosten der indigenen Bevölkerung blutig vorangetrieben wurde, ist ebenfalls ein maßgeblicher Teil des Wirtschaftsschubes. Großunternehmer, Statthalter und Aktiengesellschaften arbeiteten zusammen an der Kolonialisierung des globalen Südens, denn die Ausbeutung von Mensch und Natur bedeutete Profit für die Herrschenden. Die Völkermorde, Kriege und „Bestrafungsmaßnahmen“ wurden von den europäischen Staaten unterstützt, da diese Anteile des Gewinns bekamen. So bekamen große Teile der Wirtschaft das Recht, Kriege zu führen und Gewalttaten auszuüben, also die „Drecksarbeit“ zu machen. Schon bald finanzierten Aktien und Anleihen die Expansionspolitik. Diese waren der Beginn des modernen Börsen- und Zentralbankwesens. Wir sehen: Das Handelssystem und damit die europäische Hegemonie waren aufgebaut auf Waffengewalt und extraktiven Institutionen (z.B. Plantagenwirtschaft mit Arbeitssklaven), welche destruktiv für die politischen Systeme des globalen Südens waren. Der Großteil der Güter, die Menschen im globalen Süden hergestellten, wurden im globalen Norden konsumiert. Um diese himmelschreiende Ungerechtigkeit zu legitimieren, wurden rassistische Geschichten erzählt, welche die indigene Bevölkerung entmenschlichen und degradieren sollten. Die koloniale „Erfolgsgeschichte“ und die imperiale Lebensweise sind bis heute tief verankert in Teilen der westlichen Wissenschaften. Unser Verständnis von rationalem und sinnvollem Handeln ist noch immer geprägt von den Grundmaximen der Machterhaltung durch Innovation und Technik.


Expansion

Ab dem 18. Jahrhundert begann die zweite Welle der Expansion. Die Welt wurde in „entwickelt“ und „unterentwickelt“ aufgeteilt. Noch immer expandierten die europäischen Großmächte ihren Zugriff auf Ressourcen, welche die Grundlage für die Industrialisierung waren. Das fossile Zeitalter begann. Durch die wachsende Industrie wurden die europäischen Nationen noch reicher. Doch dieser Reichtum wurde auf den Schultern von Migrant*innen, Zwangsarbeiter*innen, Kinderarbeit und einer lohnabhängigen Arbeiter*innenklasse aufgebaut. Diejenigen, welche profitierten waren Kapitalist*innen, welche im Besitz von Produktionsmitteln waren. Sie bildeten den oberen Teil der entstandenen Klassengesellschaft. Die Industrialisierung, und das damit einhergehende Bevölkerungswachstum markiert den Beginn der Wachstumsgesellschaft. [1] Dennoch profitierten von der Industrialisierung nur die herrschenden Klassen. Durch Arbeitskämpfe stiegen die Löhne der Arbeiter*innen, es gab kürzere Arbeitszeiten. Mit der Entstehung der Werbeindustrie, der Massenproduktion und der Automobilindustrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich im globalen Norden eine Konsumkultur zu etablieren, woran durch die wachsende Mittelschicht immer mehr Menschen teilhaben konnten. Doch von diesen Entwicklungen profitierte vor allem die weiße Bevölkerung. Das lag auch daran, dass nach dem 2. Weltkrieg die meisten Länder des globalen Südens noch immer dabei waren, ihre Unabhängigkeit zu erkämpfen.

Aufgrund des Wirtschaftswachstums ging es vor allem im globalen Norden allen Gesellschaftsschichten materiell besser, das Wirtschaftswachstum wurde deswegen zum politischen Ziel erklärt. Neokoloniale Handelsregime etablierten sich im globalen Süden, da durch die Kolonialisierung ein Großteil der dortigen politischen Systeme zerstört worden waren und ein Machtvakuum entstanden war. Trotz offizieller „Entkolonialisierung“ stellte der globale Süden weiterhin Ressourcen, Lebensmittel und billige Arbeitskräfte für den globalen Norden bereit, was das wirtschaftliche Machtgefälle weiter manifestierte. Um 1970 begann die Diskussion um die Grenzen des Wachstums, die Auswirkungen der extraktiven und fossilen Wirtschaftsweise wurden deutlich. Zu dieser Zeit entstanden viele Bewegungen zu neuen Konsum – und Wirtschaftsweisen, jedoch setzten diese sich nicht durch. Stattdessen begann mensch über „marktkonforme Demokratie“ zu sprechen und der Neoliberalismus wurde zum Trend. Der Staat zog sich immer mehr zurück aus dem Gesundheits- und Bildungssektor, eine Privatisierungswelle begann. Die Neoliberalist*innen versprachen Entwicklung und Wohlstand durch die „Selbstheilungskräfte des Marktes“. Doch für wen?!


Eine neue Wirtschaftspolitik

Für die gerade erst dekolonialisierten Länder des globalen Südens bedeutete die neoliberale Wirtschaftspolitik vor allem neue Abhängigkeiten durch Schuldenberge, fehlende technologische Ressourcen und politische Instabilität. Lokale Wirtschaftszweige verelendeten, die Bevölkerung verließ die verarmten Regionen und nahmen prekäre Jobs in großen Agrarbetrieben, Fabriken und Unternehmen an, um ihre Familien finanziell über Wasser zu halten. Entgegen aller Versprechungen des Neoliberalismus wächst die Ungleichheit der Einkommen, die Schere zwischen Arm und Reich und es bilden sich wirtschaftliche Monopole. Immer größere Bevölkerungsschichten verarmen, es entstehen immer steilere Machtgefälle. Fast 70 Prozent der Weltbevölkerung besitzen weniger als fünf Prozent am weltweiten Reichtum.

Wachstum wird im Moment am BIP gemessen, es ist ein materieller Vorgang, welcher auf Rohstoffverbrauch und Energie basiert. Es handelt sich um einen umfassenden materiellen, sozialen und kulturellen Prozess der Expansion und Beschleunigung. Es handelt sich um ein System, welches von Menschengeschaffen ist, also auch von Menschen verändert werden muss. Denn es hat sich gezeigt: Wirtschaftswachstum lässt sich nicht von Ressourcenverbrauch entkoppeln, wie so viele (sogar Grüne) Politiker*innen versprechen. Warum wir dem Wachstum hinterherrennen? Weil es im Moment unsere Wirtschaft am Leben hält. Doch ist nicht jetzt in einer Krisenzeit die Chance, über ein wachtumsunabhängiges System nachzudenken?

[1] (Durch eine wachsende Bevölkerung stieg die Nachfrage nach Häusern, Arbeitsplätzen, es wurde mehr konsumiert und mehr Arbeitsplätze entstanden)

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