• Charlotte von Bonin und Elias Zand-Akbari

Würdest du ein Kind in diese Welt setzen?

Können wir überhaupt Verantwortung übernehmen? - Ein Briefwechsel


Wir haben eine Verantwortung | Pixabay| CC BY-SA 2.0


Verantwortung ist in aller Munde. Doch was heißt das konkret im Leben? Können wir wirklich Verantwortung übernehmen? Und wie nehmen junge Erwachsene das Thema in ihrem persönlichen Leben wahr? Ein Briefwechsel zwischen Charlotte von Bonin und Elias Zand-Akbari gewährt uns einen Einblick.


Engen, der 21. Dezember 2020


Liebe Lotte,

Heute Morgen haben wir am Frühstückstisch ein Gespräch darüber geführt, dass sich einige junge Menschen dazu entschlossen haben dieser, unserer Erde keine Nachkommen zu hinterlassen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ausschließlich über „die anderen“ gesprochen wurde, die eigene Verantwortung allerdings nicht zur Sprache kam. Gerade eine Gesprächsteilnehmerin schien sich hinter ihrer Meinung zu verstecken, die zwar meiner Ansicht nach nicht grundfalsch, jedoch nicht weit genug gedacht war.

Meine Frage ist also: Hat der Mensch eine Verantwortung, die eigenen Überzeugungen in sein tägliches Leben zu übertragen? Und wo ‚darf‘ die Bequemlichkeit darüber siegen? Pragmatismus ist ja an sich nichts Schlechtes, aber kann man den Aktivismus damit vereinbaren? Oder, besser ausgedrückt, ist Pragmatismus nicht notwendig, um tatsächlich etwas zu erreichen?

Es fiel bei dem genannten Gespräch am Frühstückstisch auch das Argument mit der Partei ‚die Grünen‘, welche die Mindestanforderungen im Klimaschutz als radikale Maßnahme verkaufen. Sie scheinen damit Erfolg zu haben, schließlich machen sie sich aus konservativer Sicht ‚wählbar‘. Und erreichen sie damit nicht auch wirkliche Fortschritte in der Klimapolitik?

Ich frage mich in einem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang wer die Verantwortung für die große Veränderung trägt, die wir brauchen. Wer beginnt? Kann es geschafft werden, die politischen Entscheidungen mit dem Willen der Bevölkerung zu verbinden? Nun sind mir letzthin einige Menschen begegnet, die zu dem einen gesagt haben: „Wir müssen das System ändern!“ und zum anderen: „Die Normalbürger*in ist doch unschuldig, denn welchen Einfluss hat sie schon auf das große Ganze?“

Diese Aussagen erscheinen mir, als würde der Versuch gemacht werden, den Menschen, bzw. diejenigen, die eine andere Meinung vertreten einfach zu ignorieren. Und ich kann das immer mehr nachvollziehen! Dennoch möchte ich persönlich ein zuhörender Mensch bleiben!

Hier mach ich mal einen Punkt. Ich hoffe, du erfreust dich bester Gesundheit und bist glücklich in deinem Leben. Ich freue mich auf deine Antwort! Alles Liebe, Elias Zand-Akbari






Stuttgart, der 2. Januar 2021

Lieber Elias,

Ich habe mich sehr über deinen Brief gefreut. Ich bin gesund und voller Hoffnung für das Jahr 2021. Und das, obwohl gefühlt so viel schiefläuft in der Welt. Die Klimakrise wird immer beängstigender, Corona sorgt für Spaltung, Streit und Leiden und so viel anderes.

Manchmal denke ich, dass es doch eigentlich gar nicht so schwer sein kann, eine radikale Veränderung zu gestalten. Doch das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Wo wir bei dem Thema Verantwortung sind! Ich kann niemals erzwingen, dass alle an einem Strang ziehen. Ich muss darauf vertrauen, dass etwas existiert, was gut ist. Ich muss vertrauen in mich haben, dass ich dazu fähig bin, das zu tun was ich für gut halte. Und leider kann ich mir durch Nichts sicher sein, ob es gut ist, außer durch meine Intuition, oder? Also muss ich lernen, die Folgen meiner eigenen Handlungen einzuschätzen, um daraufhin das zu tun, was ich als Individuum verantworten kann.

Du hast mich gefragt, ob wir eine Verantwortung haben, die eigenen Überzeugungen ins Leben zu übertragen. Doch können wir das überhaupt? Der Philosoph Günther Anders schreibt in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen I“: „Der Mensch ist kleiner als er selbst.“ Damit meint er, dass wir als Menschen heute fähig sind, Dinge zu tun, die wir weder verantworten noch nachfühlen können. Wir können also nicht adäquat auf unsere Wirkmacht in der Welt reagieren. Die Vermögen der Verantwortung und des Mitgefühls bleiben weit hinter den möglichen Handlungen zurück. Wir stellen fest: Unsere Merk – und Wirkwelt driften immer weiter auseinander. Wir können also heute Auto fahren, Fleisch essen und viele andere Dinge tun, die großes Leid verursachen, ohne es zu merken. Heißt wirkliche Verantwortung, dass ich die Fähigkeit entwickeln muss, die Konsequenzen meiner Handlungen mir vorzustellen, sie nachzufühlen und mich dann zu fragen: Kann ich dafür wirklich die Verantwortung übernehmen? Kann ich die Auswirkungen meiner Taten voller Überzeugung bejahen?

Wenn ich mich ernsthaft prüfe, so kann ich nur bei wenigen Dingen, die ich in meinem täglichen Leben tue, wirklich Verantwortung übernehmen. Ich versuche zwar, mich durch bewusste Entscheidungen einer verantwortungsvollen Lebenshaltung anzunähern, aber mein Vorstellungsvermögen und mein Wissenshorizont ist einfach noch zu niedrig, um wirklich moralisch richtig zu handeln. Nichtsdestotrotz halte ich es für essenziell für das Wohlergehen der Menschheit und des Planeten, dass wir immer bewusster entscheiden, welche Kompromisse annehmbar sind, und was einfach durch keinen Menschen wirklich verantwortet werden kann. Können wir wirklich den Kapitalismus weiter vorantreiben, obwohl wir alle wissen, dass es den Menschen, den Ökosystemen, den Tieren und dem Klima irreversible Schäden zufügt?

Eure Frühstückstischfrage, ob wir Kinder in die Welt setzen sollten, beschäftigt mich schon seit langer Zeit. Ich weiß nicht, ob ich es verantworten kann. Vor Kurzem habe ich mit einer Freundin über das Thema gesprochen und sie hat gesagt: „Wenn ich mich entscheide, keine Kinder zu bekommen, so ist das für mich wie Aufgeben. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die Welt noch gut werden kann. Dass die Welt gut ist.“ Diese Aussage hat mir sehr zu denken gegeben. Und eines ist mir klar: Ich kann es nicht verantworten, aufzugeben!

Ich hoffe dir geht es gut und du hast einen guten Rutsch in das Jahr 2021 erfahren.

Alles Gute, Charlotte von Bonin


Dieser Artikel erschien auch im Campyrus Magazin