• Ben

Von Frust und Motivation

Was machen, wenn du vom Aktivismus ausgebrannt und frustriert bist? Es gibt doch genug worüber du dich aufregen kannst.

Schritt für Schritt ins Paradies. Im Danni und überall | Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0



Seit über einem Monat bekomme ich es nicht hin, mich für politische Arbeit aufzuraffen. Seit dem 25.09., seit dem Global Strike und den Aktionen im Rheinland bin ich quasi von jetzt auf gleich aus dem Aktivismus ausgestiegen. Nach wochenlanger Mobilisierung zu gefühlt 10 unterschiedlichen Demos und Aktionen war ich komplett ausgebrannt. Ich bekam es nicht einmal mehr hin, simpelste Social Media Arbeit, oder anderweitige Gestaltungsaufgaben, also das, was ich jetzt schon seit über anderthalb Jahren größtenteils mache, zu erledigen. Es war/ist bei mir irgendwie die Luft raus. Sind wir doch alle frustrierte Aktivist*innen, wie Jakob Blasel es Zeit Campus erzählt?


Mag sein, dass mein Studienanfang auch sein Teil dazu beigetragen hat, dass ich weniger Kopf für die politische Arbeit habe, aber das ist nicht alles. Es passiert gerade so viel Scheiße auf dieser Welt. Wir sagen immer wieder „Wenn [hier Ereignis oder politische Entscheidung einfügen] passiert, dann ist die Grenze überschritten, dann müssen wir einen Gang höher schalten.“ Dann passiert genau das und wir sind nicht mal überrascht und vielleicht nicht mal frustriert, weil wir einfach nichts anderes, nichts gutes mehr erwarten. Kohleausstiegsgesetz, GAP, Datteln 4 geht ans Netz und der Danni wird geräumt und gerodet.


Alles eigentlich super schlimm, vor allem wenn einem bewusst ist, dass 2020 das Jahr sein sollte, in dem die Wende hin zu zukunftsfähiger Klimapolitik beginnen muss.

Und doch sind wir erschreckend ruhig. Wir sagen, dass die Zeit der Apelle vorbei sei und wir die Wende jetzt selber machen würden, appellieren aber trotzdem weiter. Und ich bekomme nicht mal den Arsch hoch, ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit zu machen.


Doch vielleicht müssen wir auch unseren Ansatz ändern. Oder vielleicht muss nur ich meinen Ansatz ändern, ich sollte und will nicht für die Allgemeinheit reden. Vielleicht fehlt es mir an einem Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wenn wir sagen, die Zeit der Apelle sei vorbei, was meinen wir damit? Heißt das, wir gehen jetzt noch entschlossener auf die Straße? Heißt das, wir schreien ein bisschen aggressiver? Heißt das, wir machen den Kohleausstieg, die Verkehrswende etc. selber?


Für mich ist die Zeit der Apelle nicht nur in der Weise vorbei, dass ich Demonstrationen für nicht mehr genug halte. Auch symbolische Aktionen, vom Bannerdrop bis hin zu symbolischen Blockaden, zählen für mich auch noch zu Apellen. Ich brauche einen wirklichen Schritt weiter.


Und das bedeutet nicht, dass diese Aktionsformen nicht gut und wichtig sind! Wir brauchen Protest, Wandel und Widerstand auf jeder Ebene! Doch was bringt es, wenn ich mich zwinge und halbherzig das weiter mache, was ich die letzten zwei Jahre gemacht habe? Das ist erstens nicht gesund und zweitens wäre es schon ein bisschen ironisch, stur so weiter zu arbeiten, wie ich es halt gemacht habe, aber dabei ein weg von der Normalität zu fordern.


Vielleicht muss ich meinen Frust und meine Hilflosigkeit als Ansatz und Ansporn nehmen. Vom Aktivismus weg, hin zu eigenen Projekten. Vielleicht muss ich erst mal ein zukunftsfähiges Lebensumfeld für mich selbst schaffen, bevor ich wieder aktivistisch arbeiten kann.


Denn ich merke wenn ich rumspinne und träume, was für coole Projekte ich mal machen könnte, angefangen beim Hausprojekt bis hin zu einem aktivistischen Gestaltungskollektiv, kommt die Energie wieder. Aber warum nur „mal machen könnte“? Was hält mich davon ab, ein kleines Stück der Welt zu schaffen, in der ich leben will? Ich bin in der besten Position, coole Projekte anzufangen: Priviligiertes, weißes Akademiker*innenkind, das quasi nur coole Klimaaktivist*innen kennt und, das behaupte ich jetzt mal so, auch relativ gut in der Klimagerechtigkeitsbewegung vernetzt ist. Was habe ich zu verlieren, wenn ich also versuche, so ein Projekt anzufangen? Eigentlich gar nichts.


Wenn es nicht klappt, dann klappts halt nicht, aber wenn es klappt, habe ich mit coolen Menschen ein cooles Projekt gestartet, dass auch noch einen Beitrag zum Wandel beiträgt. Deshalb ist dieser Text vielleicht auch mehr für mich. Ich musste mir selbst ausreden, dass ich nicht in der Position bin, Projekte zu starten, und mir klar machen, dass ich nichts zu verlieren habe.


Und jetzt bin ich richtig motiviert.

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