• Charlotte von Bonin

Vom Kampf für Klimagerechtigkeit

Wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten, aber eine bessere Welt ist möglich!


Klimagerecht kämpfen I Pink I CC BY-SA 2.0


Die Klimakrise ist in aller Munde - nicht nur in meiner Generation, die unter dem Motto #Fridaysforfuture seit dem Herbst 2018 auf den Straßen für Klimagerechtigkeit protestiert.

Was heißt es für meine Generation, mit einer existenziellen Bedrohung zu leben, die nicht ein Szenario der Zukunft ist, sondern die besonders im globalen Süden schon heute lebensbedrohlich ist?


"Es kann kein „grünes Wachstum“ geben, welches von Treibhausgasemissionen entkoppelt unendlich weitergeht!"

Die beste aller Welten?

Wir leben in der besten aller Welten – davon war der Philosoph Leibniz überzeugt. Wenn mich Menschen vor drei Jahren gefragt hätten, ob ich dieser Aussage zustimmen würde, so hätte ich das ohne Bedenken bestätigt. Denn: die Kindersterblichkeit hat sich innerhalb der letzten 30 Jahre mehr als halbiert, wir haben immer weniger Armut und die durchschnittliche Lebenserwartung ist überall auf der Welt gestiegen. Auf den ersten Blick scheint die Gegenwart eine der sichersten und bequemsten Zeiten zu sein, besonders wenn wir zurück auf die Geschichte blicken. Noch nie ging es so vielen Menschen so gut wie heute. Doch wir alle wissen auch: Wir haben besonders im globalen Norden all diesen Reichtum, weil wir seit Jahrzehnten auf Kosten der Natur, anderen Menschen und auf Kosten von zukünftigen Generationen leben. Wenn wir im nächsten Schritt den Blick von der Vergangenheit in die Zukunft richten, so wird schnell klar, dass wir vielleicht in einer der besten aller Welten leben – aber nicht mehr lange, wenn wir so weitermachen.


Keine Lösung im falschen System

Als ich mit dem Klimaaktivismus begann erkannte ich, dass hier etwas radikal falsch läuft. Die Grundlage unseres bequemen Lebens ist zerstörerisch. Das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinem Wachstumsdogma hat ganz offenbar keine Zukunft. Denn so wie bisher können wir nicht mehr weitermachen. Schon seit über fünfzig Jahren ist uns klar, dass es auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben kann. Alle bisherigen Versuche die Klimakrise, das Artensterben und den Zusammenbruch der Ökosysteme durch Maßnahmen innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu verhindern, sind gescheitert. Es kann kein „grünes Wachstum“ geben, welches von Treibhausgasemissionen entkoppelt unendlich weitergeht.

Wenn der Profit über der Gesundheit des Ökosystems Erde steht, dann müssen wir aufhören, systemimmanent zu denken. Das zeigt auch der Skandal um den niederländischen Mineralölkonzern Shell. Zu Beginn der 80er Jahre hatte Shell eine Studie1 in Auftrag gegeben, in der sie den Treibhauseffekt analysierten. Schon damals kam man zu dem Ergebnis, dass der Verbrauch fossiler Brennstoffe einen erheblichen Einfluss auf die Klimakrise haben. Shell waren diese Ergebnisse schon bekannt, bevor der Weltklimarat (IPCC) gegründet wurde. Statt die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, und die Politiker*innen, Wirtschaft und Gesellschaft zu warnen, hielt Shell die Studie unter Verschluss. Und nicht nur das. Shell hielt nicht nur die alarmierenden Ergebnisse ihrer Studie geheim, sie organisierten Kampagnen, die den menschengemachten Klimawandel bestritten und Klimawandelleugner*innen unterstützten.

Dieser Skandal zeigt: In einem System, welches auf Wachstum angewiesen ist, stehen kurzfristige Gewinne nun mal über langfristigen Klimaschutzmaßnahmen.

Leider haben sich seit der 80er Jahren Politik und Wirtschaft nicht dem Umweltschutz und der Klimagerechtigkeit zugewandt. Im Gegenteil.

Durch neue Gesetzgebungen wie Verschmutzungsrechte, ein völlig unzureichendes Klimapaket und das Umrüsten auf Elektromobilität wird an der Oberfläche ein wenig aufgeräumt, doch die Ausbeutung der Natur geht weiter.

Die Maßnahmen gehen nicht weit genug, um unsere Lebensgrundlage zu schützen. Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass die Gesundheit der Menschheit nicht ohne die Gesundheit der Natur möglich ist. Deshalb müssen wir uns mit Fragen der Heilung nochmals in einem viel umfassenderen Sinne werden beschäftigen, als das bisher geschehen ist.

Wenn wir die Lösungen für die Klimakrise nicht im kapitalistischen Wirtschaftssystem finden, dann sollten wir das System grundlegend in Frage stellen. Der Mensch hat schon einige Wirtschaftssysteme geschaffen, aber noch kein Ökosystem.


Klima, Gesundheit und Gerechtigkeit

Seit dem Jahr 2018 sind wir von Fridays For Future in Deutschland für eine ambitionierte, zukunftsfähige Klimapolitik auf die Straße gegangen. Ich selbst stand am 30. November 2018 das erste Mal auf der Straße, damals mit einem selbst gebastelten Pappschild worauf stand: „Streik für das Klima“. Damals war ich wütend und wild entschlossen, jetzt endlich dafür zu sorgen, dass die Entscheidungsträger*innen sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. Heute, nach mehr als zwei Jahren blicke ich auf einen steinigen, frustrierenden Weg zurück. Für mich ist die Klimakrise längst kein reines „Umweltproblem“ mehr, welches wir durch anständigen Klimaschutz in den Griff bekommen müssen. Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise und eine Gesundheitskrise.

Und die Lösungsansätze müssen so allumfassend sein, wie die verursachten Schäden. Klimaaktivismus heißt nicht nur Bäume und Klima schützen, sondern sich für Menschenrechte, Feminismus, gegen Diskriminierung und Ausbeutung einzusetzen.


Was macht diese Aufgabe, welche scheinbar nicht zu bewältigen ist mit uns? In meiner Zeit bei der Ortsgruppe Fridays for Future Stuttgart konnte ich die Verzweiflung und Angst erleben, mit der viele Kinder und Jugendliche in die Zukunft blicken. Doch nicht nur der Blick in die Zukunft, mit all den apokalyptischen Prognosen der Klimaforschung, ist schmerzhaft. Auch der Blick auf andere Kontinente, wo die Klimakrise keine Bedrohung in der Zukunft ist, sondern die harte Realität, zeigt uns: Wir können nicht zuschauen, sondern wir müssen handeln.


Die Lösung? Nicht Aufgeben!

Und trotz des immer wieder aufkommenden Gefühls der Machtlosigkeit, trotz all der leeren Worte der Entscheidungsträger*innen und trotz der Größe des Problems geben wir nicht auf. Wir protestieren weiter, wir erarbeiten Hygienekonzepte für unsere Demonstrationen, sind präsent in Talkshows, machen Online-Klimastreiks und sprechen mit Politiker*innen. Die Klimakrise pausiert nicht, auch wenn für viele Menschen seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie die Welt stillsteht. Wir versuchen zu lernen, mit der Unsicherheit und der Bedrohung zu leben. Denn der Gedanke ‚Das betrifft mich nicht‘ oder die Verdrängung sind nutzlos geworden. Die Transformationsforscherin und Politökonomin Maja Göpel sagt, dass wir als Gesellschaft vor allem eines lernen müssen: Daran zu glauben, dass wir es schaffen können. Wenn wir verzweifeln und ständig denken, dass wir es nie schaffen werden, dann nehmen wir uns an Schlagkraft. Es gibt schon so viele Ideen, wie eine klimagerechte Welt aussehen könnte, wie wir leben könnten und welche Wirtschaftsformen wir erproben könnten. Das Einzige, was wir im Moment falsch machen können, ist zu klein zu denken. Denn die Haltung ‚ist doch eh zu spät‘ oder ‚wir können sowieso nichts ändern‘ ist eine privilegierte Verantwortungsverweigerung. Jede*r kann etwas tun. Es gibt unzählige Wege, die Gesellschaft mitzugestalten und sich für Klimagerechtigkeit einzusetzen. Die Lösung ist und bleibt für uns: Weitermachen. Stoisch und entschlossen bleiben wir. Denn Aufgeben ist keine Option.

Heute würde ich sagen: Wir leben zwar nicht in der besten aller möglichen Welten, aber eine bessere Welt ist möglich!




1. Anmerkungen

1 zur Studie: http://www.climatefiles.com/shell/1988-shell-report-greenhouse/


2. Literatur

Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996.


Welzer, Harald: Weltuntergang abgesagt: Sozialpsychologe Harald Welzer hat eine Vision für eine bessere Welt. 2019, Stand vom 26.12.2020.


Evers, Marco: Wie ein Ölkonzern sein Wissen über den Klimawandel geheim hielt. 2018. Stand vom 26.12.2020.