• Charlotte von Bonin

Muss ich mich für die Rettung der Welt kaputt machen?

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Über die psychische Belastung durch die Klimakrise - Ein Bericht


Photo: Charlotte von Bonin, 2019



Bin ich prädestiniert für Leid und Stress, wenn ich mich mit der Klimakatastrophe

auseinandersetze? Gewissermaßen ja. Je mehr, je intensiver ich mich mit apokalyptischen Klimastudien auseinandersetze, desto mehr fühle ich die Verzweiflung und Hilflosigkeit angesichts dessen, was uns als Menschheit bevorsteht. Nicht zu vergessen: Schon heute hungern, fliehen und sterben Menschen aufgrund der Klimakatastrophe. Ich bin aufgewachsen und sozialisiert in einer globalisierten Gesellschaft und bin es gewohnt, die Menschheit im Gesamtkontext zu betrachten. Mich mit dem Leid und der drohenden Zerstörung auf unserem Planeten in Verbindung zu bringen und die Verantwortung dafür zu spüren.

Ich fühle mich oft allein dafür verantwortlich und denke, mit dem nächsten Handlungsschritt werde die Welt sichtbar besser. Manchmal passiert es das ich denke, mein Leben drehe sich nur noch um die Welt und die Gefahr der Klimakrise.


Wer ist denn nun schuld?!

Ich habe des Öfteren beobachtet, dass Menschen auf andere zeigen und sich gegenseitig den Vorwurf „Mach doch du mal mehr…“ an den Kopf werfen. Sie geben sich gegenseitig die Schuld, dass die Ökosysteme bald kollabieren, weil sie jetzt doch statt der Bambuszahnbürste eine aus Plastik gekauft haben. Doch damit ist weder dem Klima, noch der Menschheit geholfen. Im Gegenteil. All dies verstärkt den ständigen Selbstvorwurf und Handlungsdruck, welcher nicht nur jegliche Kreativität blockiert, sondern zu Depressionen, Burn-Out und permanenter Erschöpfung führen kann. Wir vergessen, dass wir die Welt nicht alleine im Supermarkt retten können. Die Verantwortung für einen sozial-ökologischen Wandel wird im Moment stark auf die Einzelpersonen abwälzt. Dabei werden diejenigen, die für den größten Teil der CO2-Emissionen verantwortlich sind, nicht nur entlastet - sie subventionieren klimaschädliche Konzerne und Praktiken fröhlich weiter, während wir uns um die Plastikverpackung um die Bio-Gurke im Supermarkt sorgen.

Wir sehen: Diese Krise kann nicht durch Individuen und einzelne Konsumentscheidungen gelöst werden, auch wenn diese auf jeden Fall gut und wünschenswert sind.


Klimatrauer und Klimaangst

„Wenn ich in die Welt schaue, dann denke ich, dass die Dinge ganz schön aus dem Ruder gelaufen sind“ sagt Viktor, ein junger Aktivist von Extinction Rebellion.


Ich bin bei einem Workshop zum Thema „Wie die Klimakrise uns psychisch belastet“. Eine junge Frau erzählt unter Tränen von ihrer Liebe zur Natur und den Vögeln, von ihren Kindern und der ständig drängenden Frage, wie in deren Zukunft die Menschheit leben wird. Die düsteren, wissenschaftlichen Prognosen erzählen von Stürmen, Flutwellen, untergehenden Städten, Nahrungsmittelknappheit und mangelndem sauberen Trinkwasser in Europa. Und nicht nur das. Die menschliche Zivilisation droht zu enden. In der menschlichen Psyche gibt es Muster, mit solchen Fakten und Bildern, welche so schwer fassbar sind, umzugehen. Meistens rationalisieren wir Angst durch das Lernen von Fakten. Wir richten unsere Wut nach außen, suchen mehr oder weniger wahllos nach Schuldigen, die genauso wenig oder viel für die Klimakrise können wie wir selbst. Oder wir ziehen uns ganz in uns selbst zurück So kann die Sorge uns einerseits zum Handeln bringen, oder sie kann auch obsessiv werden, uns in Panik versetzen.

Die meisten Menschen bringt Angst nicht weiter, denn sie reißt jeden Anker, jede Sicherheit, im Leben mit sich. Uns scheint alles ist unsicher (was ja auch stimmt) und verändert sich. Haltlosigkeit und das neue, psychologische Phänomen Klimaangst ('Eco-Anxiety') sind die Folgen.


Handlungsdruck und Resultat-Denken

Unter (Klima)Aktivist*innen hat sich in vielen Fällen ein Resultat-Denken etabliert: Erst wenn sich etwas verändert, dann habe ich genug geleistet.

Diese Denkmuster sind auch mir sehr vertraut, sie sind Teil der Kapitalistin in meinem Kopf die mir sagt, ich wäre nie genug. Mein Lernprozess und die Tatsache, dass es sich im Leben selten um Sprints, sondern meist um Marathons handelt, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Manchmal, wenn ich nach einem arbeitsreichen Tag etwas für mich tue habe ich Schuldgefühle und denke, ich wäre zu egoistisch.

Das zumindest flüstert mir mein böses Stimmchen ins Ohr. Gleichzeitig ist mir klar, dass ich der Welt und den Menschen weder helfen noch bei ihnen sein kann, wenn ich mich überarbeite, weil ich nur an meine Leistung und die Ergebnisse denke.

Und da im Aktivismus, wo doch so oft über Nachhaltigkeit gesprochen wird (so ausgelatscht das Wort auch sein mag…) möchte ich mit mir, sowie meiner Kraft genauso nachhaltig umgehen, wie ich es in der Welt sehen möchte.


Kann es einen gesunden Umgang mit einer kranken Welt geben?

Wie kann ich mit der psychischen Belastung durch die Klimakatastrophe, den apokalyptischen Prognosen und dem Leid umgehen?

Hierfür gibt es kein Patentrezept, denn dies ist so individuell wie jede*r Einzelne von uns. Doch die meisten Menschen, auch ich selbst, brauchen eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig hilft und unterstützt. In der sie als Mensch angenommen werden und nicht ständig in Frage gestellt werden. Denn heute stehen wir vor der zentralen, psychischen und zwischenmenschlichen Herausforderung, mit der Bedrohung leben zu lernen. Eine Offenheit für das zu entwickeln, was auf uns zukommt und eine große Vision wie die Welt eigentlich sein könnte. Wir sollten etwas am Horizont sehen lernen, das uns Hoffnung gibt.

Manchmal denke ich, wir haben heute verlernt, groß zu träumen. Aber das können wir wieder lernen. Das Einzige, was wir heute wirklich falsch machen können ist zu klein zu Denken und die Visionen unserer Zukunft durch die Fantasielosigkeit und das leere Gelaber der aktuellen Politk begrenzen zu lassen.

Denn diese Denkweise hat uns in die Krise gebracht.

Und ich habe gemerkt, dass es mir Hoffnung gibt etwas zu tun. Mich mit Menschen zu organisieren und etwas gegen dieses toxische System zu unternehmen. Denn ich kann nicht so tun, als ob alles gut wäre, wenn ich nur eine Bambuszahnbürste kaufe und weniger fliege. Mir ist an dieser Stelle wichtig anzumerken: Es gibt viele Arten etwas zu tun. Und es ist nicht bei mir darüber zu urteilen, was wichtiger und unwichtiger ist. Du bist ein*e Aktivist*in, wenn du dich als solche bezeichnen willst. Und du kannst auf so vielen Wegen die Welt zu einem besseren Ort machen: Durch Musik, Gärtnern, Care-Arbeit, Straßenprotest, Blockaden, Waldbesetzungen, Haus- und Wohnprojekte, Bildungsarbeit uvm.


Mit der Bedrohung leben lernen

Wenn ich sage, wir müssen lernen, in Unsicherheit zu leben, dann meine damit ich nicht, dass wir so Leben sollten, als käme nach uns die Sintflut. Dass wir weiter konsumieren können und nicht über Morgen nachdenken müssen. Vielmehr meine ich, dass wir die Freiheit verstehen müssen, die uns als Menschen gegeben ist. Die uns erlaubt, jeden Tag neu zu entscheiden, was für ein Mensch wir sein wollen in den gegebenen Umständen.

Wir brauchen nicht die Erlaubnis von irgendwem um loszulegen. Sondern wir können in jeder Sekunde die Welt neu denken, und ein großes Stück friedlicher, bewusster, liebevoller zu machen.

Ich möchte aus Mitgefühl handeln, an die Menschlichkeit der Entscheidungsträger*innen von heute appellieren, denn die werden die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht tragen.

So versuche ich meine Rolle zu finden in aktivistischen Gruppen, denn die Gesellschaft von heute erscheint mir oft so entfremdet.



Und du?

Ich frage dich als Leser*in: Was deine Rolle und welche Fähigkeiten möchtest du gerne einsetzen, um die Welt zu verändern? Wenn du merkst, dass du müde bist, der Kampf für eine gerechtere Welt dir alle Kräfte aussaugt dann nimm dir bitte eine Pause. Kein Mensch zwingt dich, produktiv zu sein. Du musst und kannst die Welt niemals alleine retten. Und schon gar nicht, wenn du dich kaputt machst. Wenn du Hilfe brauchst, melde dich bei den Psychologists for Future.

Es gibt gute Out-of-Action Strukturen, wo du dich erholen kannst, wenn du Repressionen erfahren hast.


Seitdem ich diesen Workshop besucht habe, gehe ich bewusster mit meinen leistungs- und ergebnisorientierten Gedanken um.

Ich atme öfters tief durch, entspanne mich bewusst und versuche nur meinen Atem, meine Hände oder meine Füße zu spüren, um nach der Reizüberflutung zu mir zu kommen. Meine Pausen sind nicht dafür gedacht, hektisch durch mein Smartphone zu scrollen. Sie ist nur für mich, und meine Erholung.

Und ich mache seit Mitte Oktober eine Fridays for Future Pause mit kleinen Ausnahmen. Was ich durch diese Zeit gelernt habe und wie ich weitermache, das schreibe ich in einem anderen Artikel.


Hier findest du Strategien, mit Stress, Klimaangst und Überarbeitung umzugehen.




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