• Charlotte von Bonin

Mentale Gesundheit ist politisch!

Lets Talk about mental heath II: Ich spreche mit Kolja über seine Depression.


"Mental Health" I Fotos: Luca, Privat


TRIGGERWARNUNG: Psychische Erkrankung, Depression, Essstörung


"Ich dachte ich kann gar nicht depressiv sein, weil ich das Bild hatte, dass depressive Menschen nur weinend in der Ecke sitzen würden. Puh, das ist mir heute fast peinlich, dass ich das dachte." (Kolja)


Wir müssen reden! Hast du auch in der Schule gelernt, was die Symptome einer Depression, einer Essstörung oder einer anderen psychischen Erkrankung sind? Hast du auch gelernt, was du tun kannst, wenn es die mental nicht gut geht? Nein? Ich auch nicht, und das ist ein Problem! Wie wäre es, wenn wir schon in der Schule über die menschliche Psyche sprechen würden und dadurch lernen könnten, dass es richtig gut ist, sich Hilfe zu holen?

In einer Interviewreihe habe ich mit Anne und Kolja gesprochen, die sich mit ihrer Depression in die Öffentlichkeit stellen und so zur Aufklärung und Entstigmatisierung beitragen. In diesem Artikel findest du das Gespräch mit Kolja. Kolja ist aktivistisch tätig in der Klimagerechtigkeitsbewegung, baut und renoviert gerne und spricht offen über seine Depression.

Wir haben auf die Reaktionen des sozialen Umfeldes auf die Diagnose "Depression" geschaut, uns gefragt, warum das gesellschaftlich immer noch totgeschwiegen wird. Außerdem haben wir über die politischen Aspekte von psychischen Erkrankungen gesprochen. In diesem Artikel geht es mir darum, einerseits psychische Gesundheit zu thematisieren, aufzuklären und Menschen, die in einer solchen Zeit wie der heutigen auch straucheln zu zeigen: Wir alle haben das Recht uns Hilfe zu holen.


Druck!-Redaktion: Wann hast du das erste Mal von Depressionen und ihren Symptomen gelernt?

Kolja: Das war im Sommer letztes Jahr, als ich gecheckt habe, dass bei mir so einiges scheiße läuft. Ich habe damals einen Online-Fragebogen ausgefüllt, wo dann herauskam, dass ich schwere Depressionen haben könnte. Also habe ich mir von der Stiftung Depressionshilfe die betreffenden Artikel dazu durchgelesen und mir ist ein Licht aufgegangen. Ich dachte ich kann gar nicht depressiv sein, weil ich dachte, depressive Menschen würde nur weinend in der Ecke sitzen. Puh, das ist mir heute fast peinlich, dass ich das dachte.


Druck!: Wann hast du das erste Mal über eine Therapie nachgedacht und wie kam es dazu?

K: Als ich verstanden hatte, dass ich unter Depressionen leide, habe ich angefangen nach einer Therapiemöglichkeit zu suchen. Es war ein langer Weg, bis ich dann da hinkam. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen und meine Mutter hat mich unterstützt. Ich weiß nicht, ob ich das alleine hinbekommen hätte. Und dann war ich bei einem Psychiater, da hatte ich Glück! Nach 2-3 Wochen nachdem ich mich dort gemeldet hatte, ist zufällig ein Termin frei geworden, wo ich dann zu einem ersten Gespräch kommen konnte. Zu dem Psychiater konnte ich dann so alle 4 Wochen etwa.


Druck!: Wird das Thema mental health genug thematisiert?

K: Ich finde das Thema mental health wird viel, viel zu wenig thematisiert. Wobei ich den Eindruck habe, dass darüber in letzter Zeit verstärkt gesprochen wird. Das ist auch sehr gut, aber ich habe 18 Jahre im Grunde nicht verstanden, dass etwas mit mir nicht in Ordnung ist, oder dass ich eine Therapie brauchen könnte. Das ist bezeichnend, würde ich sagen. Wir müssen viel mehr darüber sprechen.


Druck!: Ist mentale Gesundheit politisch?

K: Ja, mentale Gesundheit ist politisch, weil wir in einem System leben, das einen sehr schnell krank machen kann. Das System pumpt einen dann halt mit Antidepressiva voll, das man ihm weiter dienen kann, das ist so mein Eindruck. Bei mir hat auf jeden Fall der Schuldruck auch mit reingespielt, es war aber auch sehr schwer, mich dem zu entziehen und einfach mal eine Pause zu machen. Ich denke, es geht sehr vielen Menschen so, dass sie sich eigentlich gar nicht richtig ausleben können, sondern in einem Gerüst von gesellschaftlichen Erwartungen gefangen sind und ständig nur versuchen, denen hinterherzulaufen. Das kann natürlich auch in eine Depression führen.


Druck!: Was waren die schlimmsten/angenehmsten Reaktionen und Kommentare in deinem Umfeld?

K: Ich habe als Erstes mit meiner Mutter geredet, und dadurch, dass Depressionen in meiner Familie schon öfter vorkommen, hat sie angenehm reagiert. Das hat mir ziemlich geholfen. Die meisten meiner Freund*innen haben auch ziemlich hilfreich reagiert und mich vor allem gefragt, wie sie mir helfen können. Von ein paar war ich schon enttäuscht. Als ich erzählt habe, dass ich Depressionen habe und deswegen erstmal raus bin haben die das mit einem Schulterzucken hingenommen und sich erstmal nicht mehr wirklich gemeldet.


Druck!: Wie war deine erste Therapiestunde?

K: Ich habe relativ bald nach meinem ersten Gespräch eine Diagnose bekommen, wo ich dann wusste, was mit mir los ist. Das war wirklich sehr hilfreich. Später war es beim Psychiater dann so, dass ich nur schnell hingegangen bin, die Medikamentendosis kontrolliert wurde und schon war ich wieder draußen. Ich bin dann über die Psychologists for Future zu einer Therapeutin gekommen, bei der es etwas länger gedauert hat, bis sie einen Therapieplatz für mich freihatte. Ich wollte aber wirklich zu ihr und vorher wollte ich einen Platz in der psychosomatischen Klinik. Mithilfe meiner Mutter habe ich mich dort auf einen Platz beworben und konnte dann nach 3 Monaten dort eine Therapie beginnen.


Druck!: Wie geht es dir gesundheitlich mit den Corona-Maßnahmen?

K: Einerseits hat mir die Corona-Maßnahmen irgendwo auch den Arsch gerettet, weil ich sowieso keine Kraft mehr hatte in die Schule zu gehen, Leute zu sehen und mich jeden Tag mit Menschen zu treffen und raus zu gehen. Da kam Corona mir sogar gelegen. Allerdings ist es auch nicht der beste Weg, sich sozial zurückzuziehen. Dadurch ist aber in der Schule meine Krankschreibung nicht so aufgefallen und ich habe mir unangenehme Fragen erspart.


Druck!: Was möchtest du unseren Leser*innen noch zu mentaler Gesundheit sagen?

K.: Wenn es euch schlecht geht, holt euch bitte Hilfe!



Du suchst Hilfe? Über die 116117 habt ihr Anspruch auf ein Erstgespräch bei einer*einem Therapeut*in.

Auf dieser Website gibt es des Weiteren viele Informationen, sowie bei der deutschen Depressionshilfe.

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