• Lucia

Liberté, egalité - Jakob B.?

Aktualisiert: 11. Sept 2020

Jakob Blasel und andere FFF-Aktivist*innen lassen sich für die grünen Landeslisten zur Bundestagswahl aufstellen. Das ist strategisch unklug und unsolidarisch mit den ausdauernden Straßen-Aktivistis. Ein Kommentar.


Jakob Blasel. | Screenshot von TRU Doku, youtube.com | Alle Rechte vorbehalten


Blasel goes Bundestag. Eine lahme Alliteration, für ein Wahlplakat würde sie vielleicht reichen. Die Ankündigung einer Kandidatur für einen Platz im Bundestag von Jakob Blasel hat diese Woche sogar die bewegungsinterne (und nach außen getragene) Debatte um das Merkel-Treffen verdrängt. Solche Diskussionen, solche Schlagzeilen gab es im Kontext von FFF schon lange nicht mehr. Ist das jetzt also eine gute Idee mit der Wahlbewerbung?

Jakob ist einer der bekanntesten FFF-Aktivistis. Vielleicht hofft er, eine Art Alexandra Ocasio-Cortez der jungen, deutschen Klimabewegung zu werden. Einer, der die Grünen von innen heraus reformiert. Einer, der im Bundestag prägnante, wütende Reden für konsequenten Klimaschutz ab sofort hält. Einer, der endlich wirklich was bewegt. Einer, den junge Menschen, die seit letztem Jahr mit FFF streiken, wählen, weil sie ihm vertrauen, weil sie wissen, dass er ernst machen wird.

Die Frauen bleiben auf der Straße

Jakob ist nicht der Einzige von uns, den das motivieren mag, der Straße den Rücken zu kehren (wenn ich mal polit-karrieristische Hintergründe einen Moment vergesse). Es gibt da noch Urs Liebau aus Magdeburg, früh dabei bei FFF, aber auch gar nicht mal für so lange Zeit, und zwei weitere Aktivistis, deren Namen noch nicht öffentlich sind. Was mir spontan auffällt? Zwei Männer. Und eine Ahnung flüstert mir, dass die beiden noch unbekannten Bewerber (cis-)männlich sind.

Ich vermute das, weil FFF - vor allem auf Bundesebene - ein Problem mit toxisch männlichem Verhalten hat, und das nicht zu knapp. Ich unterstelle dabei nicht jedem einzelnen Kandidaten bzw. vermuteten Kandidaten per se toxische Männlichkeit. Aber ich finde es auffällig, dass ausgerechnet die jungen Cis-Männer sich ganz eifrig in die erste Reihe stellen, wenn's um den Bundestag geht. Weil: Normalerweise bekommen sie ja recht wenig Rampenlicht außerhalb der Telefonkonferenzen und Plena, und stehen im Schatten der starken Frauen von FFF: Leonie Bremer, Carla Reemtma, Line Niedeggen, Luisa Neubauer und all der zahlreichen anderen jungen Frauen, die die Ortsgruppen wuppen. Ist jetzt, mit den Wahlen, die ersehnte Chance der Männer bei FFF auf ein bisschen mehr Fame gekommen? Ich bin gespannt, wer die beiden anderen Kandidierenden sind - sind sie männlich gelesen, sehe ich das als Bestätigung meiner These.

Jakob Blasel ist nicht AOC

Vielleicht für den Moment. Eine deutsche Alexandra Ocasio-Cortez wird keiner von ihnen werden können. AOC ist nämlich eine Frau, cis zwar, aber auf jeden Fall damit eine Repräsentatin des feministischen Kampfes im Kongress. Sie hat Wurzeln in Puerto-Rico und kommt aus der Bronx. AOC steht für Intersektionalität, wie es ein Jakob Blasel niemals können wird, selbst wenn er wirklich will. Er kann nicht die Figur sein, die im Parlament den Kampf repräsentiert, für den ich stehe: intersektionalen Klimaschutz. Repräsentation ist wichtig, und Jakob steht in meinen Augen nicht für das FFF, das aus Black Lives Matter gelernt hat und seine priviligierte Position reflektiert.

Das ist Häme. Das ist unsolidarisch. Ja, vielleicht. Aber er macht mich auch ganz ehrlich wütend.

Die Begründung für seine Kandidatur, wie Jakob sie in Interviews darstellt, ist unsolidarisch mit allen anderen Aktivist*innen, die auf der Straße bleiben. So sagt er zum Beispiel im Interview mit Zeit Campus, wir seien "frustrierte Aktivist*innen" - ein Zitat, das es zum Titel geschafft hat. Weil das genau das ist, was bürgerliche Journalist*innen nach eineinhalb Jahren Kampf in FFF sehen wollen. Damit bestätigt er eine Ahnung der Erfolglosigkeit, die zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden kann.

Wir sind nicht naiv - Jakob Blasel ist uninformiert

Und er macht weiter: "Wir haben damals geglaubt: Wenn wir nur laut genug protestieren, wird sich sofort etwas verändern. Das war naiv." Halt stopp - ist das nicht exakt der Sprech, den nervtötende Adultist*innen FFF-Aktivistis von Anfang an reingedrückt haben? Rhetorische Frage, denn klar: Die beschwichtigende Totschlagantwort auf alle Forderungen von FFF war immer: "Wer echten Wandel will, muss in die Institutionen." Dabei haben Parlamente in der Geschichte, achtung These, immer nur reagiert, und niemals selbst die Wende eingeleitet.

Wie lange gingen die Suffragetten bis zum Frauenwahlrecht auf die Straße? 25 Jahre. Und wie lange kämpfte die queere Bewegung bis zur Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland? Über vierzig Jahre. Und wie sieht's mit der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aus? Ja, richtig, die kämpfen seit 1955 in immer wieder neuen Schüben, und sind seitdem etappenweise erfolgreich.

Keine der großen sozialen Bewegungen erreichte innerhalb von eineinhalb Jahren einen realpolitischen Meilenstein. Die Veränderung muss erst in der Gesellschaft geschehen, bevor sie sich in Gesetzen niederschlagen kann - und das dauert einfach. Aber es ist eine sehr wirksame politische Strategie. Jede*r Demonstrant*in in einer dieser Bewegungen, jede*r FFF-Schüler*in hat mehr Impact als ein Andi Scheuer als Verkehrsminister. Das weiß doch sicherlich auch Jakob.

Trotzdem: Danke

Eine politische Bewegung lebt vom Glauben an ihr Potential, erfolgreich zu sein. Wer denkt und den Gedanken sät, ihm Nährboden gibt, dass diese Bewegung zwar nett, aber letztlich wirkungslos ist, streicht ihr Mobilisierungspotential mir nichts, dir nichts, zusammen. Wenn Menschen nach eineinhalb Jahren Schulstreik finden: Ja, stimmt, in den letzten eineinhalb Jahren hat unser Protest nichts gebracht, lasst uns also diese Aktionsform vergessen und anfangen, Parlamentsstühle warm zu sitzen oder Autos anzuzünden - und wenn sie diese Überlegungen öffentlich anstellen - dann lassen sie jene, die auf der Straße weiterkämpfen, im Stich.

Darum bin ich sauer. Darum werde ich hämisch. Weil Jakob Blasels Kandidatur, und vor allem: seine Statements dazu, meine - und seine! - aktivistische Straßenarbeit gefährden. Noch dazu so kurz vor dem wegen Corona womöglich einzigen Globalen Klimastreiktag des Jahres. Ich will gar keine Worte darüber verlieren, wie sinnlos es ist, ernsthafte Klimapolitik bei den Grünen durchsetzen zu wollen (paar Stichworte, um diese These prägnant zu untermauern: Al-Wazir und Danni, Kretschmann und Autolobby, Joschka Fischer und alles).

Danke, Jakob, dass du eineinhalb Jahre Zeit und Arbeit in die erfolgreichste Jugendbewegung der Geschichte der BRD gesteckt hast. Aber eine Kandidatur für den Bundestag, mit den Grünen, jetzt - das bringt der Bewegung gar nichts.