• Charlotte von Bonin

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland“

Aktualisiert: Juli 13

Utopien geben Mut, Widerstand zu leisten - ein Interview mit dem Klimaaktivitsten Düse


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Utopien - oft werden sie als unrealistische Spinnereien abgetan. Doch eigentlich hat sie Jede*r von uns. Einen großen Teil der Zeit leben wir - zumindest in Gedanken- in der Zukunft. Wir planen und spielen Situationen, Gespräche durch. Leider erlebe ich immer häufiger, dass die Vision einer lebenswerten, gerechten Gesellschaft dystopischen Bildern weicht. Doch eigentlich bedeuten Utopien für mich eine wichtige Orientierung in einer Welt wie der heutigen. Wie soll ich auch an einer besseren Welt bauen, wenn ich diese nicht einmal denken kann?


Welche Rolle spielen Utopien und Visionen im politischen Aktivismus? Können sie uns helfen, in der Welt wie sie heute ist aktiv zu sein und gestaltend zu bleiben? Über diese Fragen habe ich mit „Düse“[1], einem langjährigen Aktivisten, der sich heute besonders in der Klimagerechtigkeitsszene engagiert, gesprochen. Düses Selbstverständnis wurde schon früh durch seine ältere assistenzbedürftige Schwester geprägt. So hat Düse von klein auf gelernt, die Perspektive eines assistenzbedürftigen Menschen miteinzubeziehen. Düse hat von ihr unter vielem anderen die Freude an den Kleinigkeiten des Lebens und die ungefilterte Emotionalität wertschätzen gelernt.



Druck!-Magazin: Welche Rolle spielen Utopien in deiner aktivistischen Arbeit?

Düse: In aktivistischen Bewegungen passiert dann etwas, wenn „Realos“ und „Utopist*innen“ zusammenwirken. Ich selbst zähle mich eindeutig zu den Utopisten, denn ich habe eine klare Vision, wie die Welt allen Lebewesen gerecht gestaltet werden kann. Utopien spielen in meinem Aktivismus eine zentrale Rolle, denn sie bilden meine Antriebsfeder für revolutionäre Aktivitäten. Gleichzeitig denke ich, ähnlich wie Rudi Dutschke, dass die Umsetzung einer Vision ein Mehrgenerationenprojekt ist. Ich selbst werde also das gute Leben für alle nicht mehr miterleben. Das Bewusstsein für die zukünftige Gesellschaft ist ein elementarer Bestandteil meiner Utopie.

"Die Umsetzung einer Vision ist ein Mehrgenerationenprojekt"


Druck!-Magazin: Was meinst du mit dem „guten Leben für Alle?“

Düse: Das gute Leben ist für mich kein spezifisches Modell. Vielmehr ist es ein Framework, in welchem alle Individuen ihr gutes Leben führen können. Dabei bilden Versorgungssicherheit für das Decken der Grundbedürfnisse wie ein Zuhause, sauberes Wasser, Nahrung, ein Zugang zu Bildung und ein liebevolles Umfeld die Basis. Denn das ist so wichtig: Das Herz aufmachen und Liebe geben! Allgemein würde ich sagen, dass das „gute Leben“ sehr individuell ist. Wichtig ist die Balance zwischen dem, was wir uns nehmen und dem was Pacha Mama (Mutter Erde) uns geben kann. Wir können nicht länger auf Kosten Anderer leben. Im Alltag heißt das gute Leben konkret für mich, die Balance zwischen den von Hannah Arendt genannten Trias der menschlichen Tätigkeiten: Arbeiten, Handeln und Herstellen. [2] Dazwischen brauche ich „Mußestunden“, in denen ich einfach auf einer Wiese sitzen und Wolken zählen kann. Für meine Tätigkeiten stecke ich mir selbstbestimmt meine Ziele.

„Das gute Leben ist für mich kein spezifisches Modell. Vielmehr ist es ein Framework, in welchem alle Individuen ihr gutes Leben führen können.“

Wenn ich mir Stuttgart in meiner Utopie vorstelle, so ist ein Großteil der Flächenversiegelung aufgehoben, es gibt keine Verbrennungsmotoren und alle Menschen haben eine gesicherte lokale Grundversorgung. Der öffentliche Raum gehört Mensch und Natur und wir handeln gemeinwohlorientiert. Es gibt keine Firmen mehr, diesen Begriff will ich sowieso nicht mehr benutzen. Ich sage lieber Syndikat oder Projekt. Denn in einem Projekt wird der Prozess viel beweglicher angeschaut, es richtet sich nach den Bedürfnissen und kreiert diese nicht, es existiert nie zum reinen Selbstzweck.



Druck!-Magazin: Würdest du sagen, die fühlst dich zu einem bestimmten Gesellschaftsideal besonders hingezogen?

Düse: Als Jugendlicher war ich brennender Kommunist. Ich war also überzeugt von der Herrschaft des Volkes. Inzwischen bin ich der Ansicht, dass Herrschaft Menschen korrumpiert. Letztendlich geht es doch wieder darum, die Macht an sich zu reißen.

Inzwischen würde ich sagen, dass ich mich eher zu den Anarchien hingezogen (denn es gibt eine Vielfalt von Anarchien) fühle. Anarchie heißt nicht Ordnungslosigkeit wie oft angenommen wird, sondern Hierarchielosigkeit. Der Ausspruch „Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland“ gefällt mir gut.

„Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland“

Wenn ich mir ein Label geben müsste, dann würde ich mich als Ökoanarchisten bezeichnen. Denn in viele Gesellschaftsmodellen fehlt die holistische Betrachtung des Planeten mit seinen begrenzten Ressourcen. So gehören zu meinen Grundwerten die Herrschaftslosigkeit und die Ökologie.

Im letzten Sommer war ich auf acht Klimacamps (lacht). Dort kann ich von der Utopie einer Zukunftsgesellschaft kosten: alle sind achtsam miteinander, wir gestalten zusammen eine „Kleinstadt“ von 8000 Menschen, bekommen alle satt und hinreichend mit Hygienemöglichkeiten ausgestattet und das alles auf freiwilligem Mithelfen Aller basierend ohne „Ordnungsmacht“ oder „Lagerpolizei“.

Was mir auch ganz viel Mut gibt, ist der Blick an Orte auf der Welt, wo die Utopie schon gelebt wird oder wurde. Mir gefällt besonders der Ansatz aus Spanien im 19. und 20. Jahrhundert. Dort wurde eine Schule erbaut, die zum Ziel hatte, mündige und freiheitsfähige Menschen zu bilden (die „Escuela Moderna“ von Francisco Ferrer). Der Weg zur herrschaftslosen, gleichberechtigen, das Leben achtenden Gesellschaft führt nur über das bewusste Gestalten von Lernräumen. Das Ziel der Bildung sollte die Fähigkeit sein, Sachverhalte zu erfassen, sich ein Urteil zu bilden und auf dieser Basis handelnd in die Gesellschaft zu wirken. Auch die „föderativen Demokratie“ in den noch bestehenden autonomen Gebieten der kurdischen und jesidischen Bevölkerung um Rojava ist spannend, erinnert mich zuweilen an die anarchistischen Strukturen ebenfalls in Spanien 1936.


Druck!-Magazin: Helfen dir Utopien und Visionen, um in der heutigen Gesellschaft die Orientierung zu behalten?

Düse: Ja! Ohne Utopien wäre ich wohl ein zynischer Mensch ohne Wirkungswille. Manchmal habe ich den leisen Gedanken „die Menschheit ist einfach zu dumm“.

Utopien bilden für mich die Triebfeder, die mich im gesellschaftlich wirkenden Sinn am Leben hält. Denn ich weiß: Es gibt die Möglichkeit auf ein gutes Leben. Das kann ich an vielen Orten auf der Welt sehen. Zum Beispiel hat der Anarcho-Syndikalismus in Spanien - trotz Bürgerkrieg! - funktioniert. Wenn ich im Hambi bin, dann spüre ich die Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeiten. Das gibt mir den Mut und die Bereitschaft, mich mit exekutiv wirkenden Organen in konfrontative Situationen zu begeben.

„In Zeiten der Mutlosigkeit schaut euch positive Beispiele an und lest gute Nachrichten.“

Druck!-Magazin: Gibt es etwas, dass du unseren Leser*innen gerne mitgeben möchtest?

Düse: Habt den Mut, eurer eigenen Utopie öffentlich Raum zu geben und lasst euch nicht von Menschen, die euch als „utopische Spinner“ bezeichnen einschüchtern! Lasst euch das nicht kaputt reden. Auch Galileo Galilei wurde für einen Spinner gehalten und kam deswegen sogar vor Gericht. Heute wissen wir alle: Er hatte Recht.

Erhaltet euch die Lust am Lernen und pflegt die innere Kindhaltung: Die Freude an den kleinen Dingen, den Mut zu naiven Fragen wie „Warum muss ich arbeiten, um Geld zu verdienen?“

In Zeiten der Mutlosigkeit schaut euch positive Beispiele an und lest gute Nachrichten, so ihr sie gerade nicht selber erzeugt. Ein Beispiel dafür: Als ich erfahren habe, dass in Neuseeland und Bolivien die Natur zu einer Person des Rechts erklärt wurde, habe ich Kraft geschöpft. Na geht doch! In einer Welt, die uns mit Schreckensnachrichten überflutet, ist es euer gutes Recht, auf die Mutmacher*innen zu schauen und euch davon motivieren zu lassen. Denn sie zeigen: Eine andere Welt ist möglich!




Quellen und Bezüge: [1]Ich verwende hier den Aktionsnamen [2] Hannah Arendt: Vita Activa. „Arbeit ist nach Arendt jede Tätigkeit, deren Ergebnis keinen Bestand hat, sondern zum baldigen Verbrauch oder Verzehr bestimmt ist, also Kochen, Putzen, Ackerbau usw. Arbeit besteht im Stoffwechsel des Menschen mit der Natur. Für Arendt ist dieser Stoffwechsel unproblematisch, was aufgrund der Nebenwirkungen moderner Landwirtschaft bezweifelt werden darf. Für das Politische ist das Arbeiten von untergeordneter Bedeutung.“


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