• Charlotte von Bonin

Feministisch kämpfen!

Feminismus heute: Wir müssen intersektional denken und handeln.


Intersektionaler Feminismus. I Pixabay, Open Clipart Vectors


Disclaimer: Ich benutze im ganzen Artikel, außer wenn ich zitiere oder bewusst über Cis-Frauen spreche, den Begriff "FINTA*". FINTA* ist eine Abkürzung, welche für Frauen, Inter Menschen, Nichtbinäre Menschen, Trans Menschen und Agender Menschen steht.



Seit über 100 Jahren gibt es nun schon den feministischen Kampftag, welcher international als "Frauentag" gefeiert wird. Doch der 8. März darf nicht nur ein Tag sein, an dem FINTA* Blumen geschenkt bekommen und feministische Erfolge gefeiert werden. Der internationale feministische Kampftag muss ein Tag des Hinschauens sein. Ein genauer Blick in die Ecken des Feminismus, an denen wir weiterarbeiten müssen. Und dieses Hinschauen muss über den 8. März hinausgehen!

Die Entstehung Der "Frauenkampftag" entstand unter anderem durch einen Antrag der Marxistin Clara Zetkin im Jahr 1910. Zetkin brachte den Vorschlag erstmals in einer Internationalen sozialistischen Frauenkonferenz ein, vordergründig ging es ihr die Einführung des Frauenwahlrechts und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Nach 110 Jahren scheint der feministische Kampftag ein Feiertag des Kapitalismus geworden zu sein. Es werden massenweise Blumensträuße mit Glückwunschkarten, Sekt und Motto T-Shirts für den "internationalen Frauentag" verkauft.

Doch mit Blumen und Sekt werden weder patriarchalen Strukturen abgebaut noch intersektionale Diskriminierung sichtbar gemacht. Am 8. März werden keine Blumen gefordert oder ein Tag an dem Man(n) mal mehr Care-Arbeit übernimmt. Der feministische Kampftag ist eine Erinnerung an den täglichen Kampf gegen das Patriarchat! Dafür müssen wir nicht nur auf die verstärkten Ungleichheiten durch die Covid-19-Pandemie schauen, sondern auch ein Verständnis für intersektionalen Feminismus entwickeln.


Covid-19 und das Patriarchat

"In fast allen sozialen Aspekten trifft die Krankheit FINTA* härter. Und das, obwohl oder gerade weil die den Laden wesentlich am Laufen halten", titelt die TAZ im März vor einem Jahr. Die Soziologin Jutta Allmendinger bezeichnet die durch Corona ausgelöste Rückkehr zu traditionellen Rollenmustern in heteronormativen Familienkonstellationen als "Retraditionlisierung". Während in vielen binären Beziehungen der Mann sich zum Arbeiten in sein Arbeitszimmer zurückzieht, soll die Frau sich automatisch um Kinder und Haushalt kümmern.

Zugleich arbeiten FINTA* in mehr systemrelevanten (und schlecht bezahlten!) Berufen wie der Pflege. So geht einerseits eine Mehrbelastung durch erhöhte Arbeitszeiten und andererseits ein Rückfall in veraltete, binäre Geschlechterrollen mit Covid-19 einher. Doch nicht nur die Rückkehr zu veralteten Rollenmustern macht FINTA* in der Pandemie das Leben schwer: Sie werden auch öfter Opfer von häuslicher Gewalt. Die verhängten Kontaktverbote und Ausgangssperren helfen zwar dabei, die Verbreitung des Corona-Virus zu verhindern, gleichzeitig sind Menschen dadurch gezwungen, auf engstem Raum mit ihren Partner*innen zusammenzuleben ohne große Ausweichmöglichkeiten. Das Zuhause ist laut einer aktuellen UNO-Studie einer der gefährlichsten Orte für Menschen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Denn: Die soziale Kontrolle in den eigenen vier Wänden ist minimal, kaum einer bekommt mit, was hinter verschlossenen Türen geschieht. All diese Strukturen, die durch die Pandemie verstärkt werden, müssen auch intersektional verstanden und kommuniziert werden.


Intersektionaler Feminismus - was heißt das?

Feminismus wird oft zu weiß, zu akademisch gedacht. Dabei werden die Lebensrealitäten und Erfahrungen von Schwarzen FINTA* und FINTA* of Color viel zu selten gehört und in den Diskurs mit aufgenommen. Deswegen muss der Feminismus intersektionaler werden. Der Begriff Intersektionalität (1) heißt in diesem Kontext anzuerkennen, dass Menschen nicht nur aus einzelnen Gründen, wie z.B. aufgrund ihres gelesenen Geschlechts, sondern aus mehreren Gründen diskriminiert werden. Eine heterosexuelle, weiße cis Frau aus einem akademischen Kontext hat es möglicherweise leichter als FINTA*, die nicht so viele Privilegien haben.

Ein intersektionaler Feminismus kämpft nicht nur gegen die strukturelle Diskriminierung von FINTA*-Personen, sondern kämpft auch gegen Rassismus und Klassismus. In einem interview mit Fluter sagt die Afrikawissenschaftlerin und Mitbegründerin des Instituts für diskriminierungsfreie Bildung Josephine Apraku: "Feministische Debatten bestimmen vor allem weiße Akademiker*innen. Also sind ihre Bedürfnisse und Ziele auch stärker vertreten. Wenn wir beispielsweise fordern, dass Frauen im Job nicht zurückstecken müssen, weil sie zu Hause für die Sorgearbeit zuständig sind, übersehen wir gerne, dass das für viele Schwarze Frauen und Frauen of Color schon lange Realität ist. Oder wenn Feminist*innen kollektiv gleichen Lohn für Frauen und Männer fordern und dabei ausblenden, dass es ungleiche Bezahlung nicht nur zwischen Frauen und Männern gibt, sondern auch zwischen weißen und Frauen of Color." Apraku fordert, dass der Feminismus unterschiedliche Perspektiven einnimmt, und nicht nur die Diskriminierungserfahrungen weißer cis Frauen mit akademischem Abschluss anschaut. Das heißt, als weiße cis Frau auch mal zu schweigen und andere sprechen zu lassen.


Literaturempfehlungen:

Alice Hasters: „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“


Katharina Oguntoyes, May Ayim und Dagmar Schultz' „Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“


Tupoka Ogette: "Exit Racism"; Tupodcast.


Bem. 1: Intersektionalität ist nicht nur im Schwarzen Feminismus ein Thema, hat dort aber seinen Ursprung. Schon 1851 thematisierte die Frauenrechtlerin und frühere Sklavin Sojourner Truth die spezifische Diskriminierung Schwarzer Frauen in ihrer historischen Rede „Bin ich etwa keine Frau?“. Den konkreten Begriff prägte die Schwarze Juristin Kimberlé Crenshaw 1989: Sie hatte sich Gerichtsurteile aus den USA angesehen und festgestellt, dass sich Schwarze Frauen vor Gericht immer entscheiden mussten, ob sie als Frau diskriminiert wurden oder als Schwarze Person – obwohl es nachweislich Fälle gab, in denen sie für beides gleichzeitig benachteiligt wurden. (Quelle: Fluter)



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