• Charlotte von Bonin

Feminismus und Patriarchat



In meinem letzten Artikel „Feminismus – Brauchen wir den heute noch?“ habe ich deutlich gemacht: Feminismus ist noch immer ein hochaktuelles Thema. Und das muss es bleiben. Solange so viel Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen praktiziert wird, können wir nicht schweigen und zusehen. Diejenigen, die sich jetzt denken „ach ja, so schlimm ist das alles doch nicht“ sollten kurz innehalten, und einen Privilegien-Check durchführen. Bin ich männlich? Weiß? Heterosexuell? Nicht Pflege- oder Assistenzbedürftig? Cis-männlich/weiblich? Europäer*in? Ich denke, wenn wir eine oder mehrere der Fragen mit „Ja“ beantworten können, dann sollten wir das „Es ist doch nicht so schlimm“ noch einmal überdenken. Denn ich, die mehrere der Fragen meines kurzen Privilegien-Checks mit „Ja“ beantworten konnte, erlebe Diskriminierung und Übergriffigkeit. Wenn ich in andere Teile der Welt schaue, oder auch nur ein paar Meter hinter meiner Wohnungstür, kann ich sehen: es ist nicht alles gut. Wir haben noch viel zu tun, und dabei ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen.

In einem Interview habe ich Doris Braune, Autorin, Mutter, Mitarbeiterin des feministischen Frauengesundheitszentrum und Heilpraktikerin einige Fragen zum Feminismus heute, den feministischen Botschaften und zu den aktuellen Krisen gestellt.

Druck!-Magazin: Warum ist dir der Feminismus heute so wichtig?

Doris Braune: Eine Welt, in der patriarchale Glaubenssätze herrschen, baut auf Hierarchie auf und ist eine Klassengesellschaft. Die erste unterdrückte Klasse ist dabei das weibliche Geschlecht. Um eine Rechtfertigung für die Unterdrückung eines Teils der Menschen zu haben, muss ein Merkmal der unterdrückten Klasse als Begründung herangezogen werden. Im Falle einer geschlechtsbezogenen „Klassengesellschaft“ ist es also der weibliche Körper, die Gebärfähigkeit, die Menstruation, aber daraus wurde dann – auch von Philosophen wie Aristoteles und anderen alles Mögliche abgeleitet. Zum Beispiel: Frauen seien dümmer, schwächer, unfähig für Naturwissenschaften, unfähig dafür, Berufe zu ergreifen wie Ärztin oder überhaupt zu studieren. Frau könnte glauben, das sei heute überwunden, aber bei genauer Untersuchung der Verhältnisse fällt auf, dass die Abwertung des Weiblichen heute noch – jedenfalls im kollektiven Unterbewusstsein - vorhanden ist. Ein Beispiel: Seit circa 35 Jahren wird Frauen massiv vermittelt, ab den Wechseljahren würde ihr Körper erkranken an einem Mangel an Hormonen und dem müsse medikamentös nachgeholfen werden. Das heißt in subtilerer und etwas durchlässigerer Weise herrscht weiterhin eine geschlechterbezogene Klassengesellschaft.

Bei uns heute können Frauen Vorstandsvorsitzende werden, Chefärztin und so weiter, aber bezogen auf die Bevölkerung insgesamt verdienen sie nach wie vor 20 Prozent weniger und sind überproportional von Altersarmut betroffen. Auch Gewalt gegen Frauen ist noch immer ein großes Thema: Jeden dritten Tag wird eine Frau in Deutschland von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht.

Druck!-Magazin: Was sind die Kernbotschaften des Feminismus?

Braune: Die Menschenwürde eines jeden Menschen ist unantastbar. Alle Menschen sind gleich, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft. Das Leben ist zyklisch. Wir leben in den nächsten Generationen weiter, alleine indem unsere Gefühle, Ängste, gesellschaftlichen Codes als epigenetische Thematik den folgenden Generationen in die Wiege gelegt werden. Wir, alle Menschen, sind Teil der uns umgebenden Natur.

Die Botschaft: Macht euch die Erde (und den Frauenkörper) untertan, die in allen monotheistischen Religionen (Christentum, Judentum, Islam) und auch den patriarchal veränderten Religionen wie dem Hinduismus, propagiert wird, ist heute weiterhin als Glaubenssatz total virulent. Nur heute ohne jegliche ethische Einhegung. Also ich finde beispielsweise die christliche Ethik des Mittelalters massiv patriarchal und gegen Frauen gerichtet, aber heute herrscht ein unglaublich aggressiver weltzerstörender Raubtierkapitalismus, der über weitaus mehr Leichen geht. Wenn es etwas auszubeuten gibt, ist dieser Gier keine Grenze mehr gesetzt. Heute mehr denn je braucht es eine Ausgewogenheit und viel mehr feministisches Denken.

Druck!-Magazin: Was hat der Feminismus mit der Klimakrise zu tun?

Braune: An die Aussagen von vorher anknüpfend: Eine Denkweise, die die ganze Welt in der linearen Weise des Kapitalismus betrachtet (als einzige Botschaft gilt hier: mehr, mehr, mehr…), der eben gleichzeitig von der gesellschaftlichen Struktur als auch dem philosophischen Überbau patriarchal ist, ist in jeder Weise unmoralisch und raffgierig und hat keine Beziehung dazu, dass die nachfolgenden Generationen auch ein Recht auf eine intakte Erde, ein intaktes Klima haben.

Wenn wir uns heute also für die Umwelt und das Klima einsetzen, dann ist es wichtig, den Feminismus mit zu denken. Denn diese beiden Themen sind eng verknüpft. Denn: „Wir können nicht ernsthaft über die Zukunft von allen folgenden Generationen diskutieren, wenn wir dabei die Hälfte der Menschheit nicht gleichberechtigt einbeziehen.“[1] Wir müssen die Klimakrise also feministisch denken und feministisch lösen. Und das passiert nicht mit sozialökonomisch privilegierten alten, weißen Männern in Entscheidungspositionen. Dazu braucht es Frauen, die mitreden können und die in den Entscheidungen miteinbezogen werden. Es braucht eine andere Umgangsweise mit Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, und das fängt nicht erst in Führungsebenen an, sondern im eigenen Haushalt und auf der Straße. Zu einer feministischen Lösung der Klimakrise gehört jedoch nicht nur Gleichberechtigung, sondern auch ein post-patriarchales Bild von Männlichkeit. Der Autor Jens van Tricht sagt in seinem Buch „Warum Feminismus gut für Männer ist“, dass wir uns von alten vermeintlich „männlichen“ Eigenschaften verabschieden sollten. Damit können wir als Gesellschaft Männern erlauben, wieder „menschlich“ zu sein. „Dafür müssen wir unser Gesellschaftssystem ändern.“[2]


Wir können die Krisen nicht getrennt angehen, sondern es geht darum, alte Strukturen zu dekonstruieren, aufzudecken und so eine klimagerechte Welt zu bauen. Denn das ist es, was wir als „Klimagerechtigkeitsbewegung“ fordern.


Quellen:

[1] https://fridaysforfuture-hannover.de/feminismus/ [2] https://www.deutschlandfunkkultur.de/jens-van-tricht-ueber-warum-feminismus-gut-fuer-maenner-ist.1270.de.html?dram:article_id=467068

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