• Charlotte von Bonin

Feminismus – Brauchen wir den heute noch?

Aktualisiert: Mai 13


Photo by Ben Engelhard


Brauchen wir den überhaupt noch?

„Was habt ihr denn?“ und „Mit dem Thema sind wir hier doch fertig“. Das sind Sätze, die ich oft zu hören bekomme, wenn ich über Gleichberechtigung und Feminismus spreche. Dass viele Menschen Männer und Frauen als bereits gleichberechtigt sehen, ist zwar auf dem Papier weitestgehend richtig. Doch sind wir das wirklich?

Nicht nur Gender Pay Gap (Pay Wall), Sexismus und das Frauenbild der Pornoindustrie zeigen: wir haben noch einen Weg vor uns, bis wir von echter Gleichberechtigung sprechen können. Frauen sind häufiger von sexueller Gewalt betroffen. 40% der Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16 Lebensjahr solche Erfahrungen gemacht. Dazu gehört auch strukturelle Gewalt und Mehrfachdiskriminierungen. Etwa in Form von Rassismus, Behindertenfeindlichkeit, Homo – oder Transfeindlichkeit. Das geschieht Zuhause, auf der Straße und in Institutionen und Behörden. Wir haben also auch in Deutschland noch viel zu tun!

Faktisch ist es so, dass Frauen noch immer 20% weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Nur ein Drittel der Führungsebenen (Pay Wall) sind mit Frauen besetzt. Auf der Arbeit werden Frauen dann oftmals auf ihr Äußeres reduziert. Dabei gerät das, was sie zu sagen haben und ihre Kompetenzen in den Hintergrund. Das Beispiel Greta Thunberg zeigt dies erschreckend deutlich: „Handpuppe“ und „Zopfmädchen“ sind gängige Bezeichnungen ihrer Person. Auch ihrem Gesichtsausdruck wird sehr viel Zeit gewidmet. Wobei sich diese Debatten offensichtlich auf ihr Aussehen beschränken. Ihre wichtige Botschaft gerät dabei leider aus den Augen.


Feminismus muss global sein

Feminismus ist im Trend. Sogar Fast Fashion Labels bieten T-Shirts mit den Aufschriften „Girlpower“ und „Feminist“ an. Doch mir stellen sich schon beim Gedanken daran die Nackenhaare auf. Sollte ich mich nicht freuen, dass solche Aussagen „mainstream“ geworden sind? Wenn junge Frauen und Kinder in Fabriken in Bangladesch für einen Hungerlohn Kleidung mit feministischen Botschaften nähen, dann ist das mehr als nur ironisch. Sollte ich ernsthaft an Frauen-Empowerment interessiert sein, dann kann ich diese ausbeuterischen T-Shirts nicht kaufen. Wenn ich unbedingt neue Kleidung kaufen möchte, dann gehe ich in einen Laden, bei dem ich weiß, dass z.B. faire Löhne bezahlt werden. Da ich mich für Menschenrechte und die Rechte von Frauen interessiere, schütze ich zudem die Umwelt und das Klima. Denn: Auch die Klimakrise ist eng verbunden mit Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit. Frauen sind global gesehen von der Klimakrise stärker betroffen. Durch Machtverhältnisse, Rollenverteilung und weniger Rechte können Frauen nur wenig bei politischen Entscheidungen mitreden. Dennoch müssen Frauen viel öfter die Konsequenzen der getroffenen Entscheidungen tragen. Dies betrifft unter Anderem Bereiche wie Landwirtschaft, Wasserknappheit, Gesundheit, und Biodiversität. Diesem Thema werde ich mich aber in einem anderen Artikel widmen.


Was macht Feminismus heute aus?

Mir ist es wichtig, immer wieder auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Frauen sind noch immer strukturell benachteiligt in unserer Gesellschaft. Spätestens beim Eintritt in die Arbeitswelt wird das für die meisten spürbar. Wir dürfen nicht vergessen: Frauenrechte sind noch jung, in der Schweiz gibt es erst seit 23 Jahren (!) das Frauenwahlrecht. Unvorstellbar heute, oder? Also gilt es auch, die von unseren Vorgängerinnen hart erkämpften Rechte zu wahren und zu schützen. Dazu gehört für mich, dass wir andere Frauen unterstützen und dies auf alle diskriminierten Gesellschaftsgruppen ausweiten. Denn ein Kampf für Gleichberechtigung muss logischerweise gleiche Rechte und Freiheiten für ALLE einfordern.


„Man darf ja wohl noch Komplimente machen“

Ja, klar. Ich freue mich über Komplimente. Wenn diese jedoch ungewollte, längere Konversationen und eineverpflichtende „Revanche“ z.B. in Form eines zusammen konsumierten Getränkes nach sich ziehen, dann nicht.


„Man darf ja wohl noch Witze machen“.

Viele dumme Kommentare werden immer wieder gerechtfertigt: „Das war doch nur ein Witz“. Es gibt Dinge, über die macht man keine Witze. Punkt. Besonders wenn die Witze von Menschen gemacht werden, die sich schon allein durch ihre Herkunft und ihr Geschlecht noch nie mit diesen Diskriminierungsformen konfrontiert sahen. Wenn ein Witz eine lange Vorgeschichte von Unterdrückung hat, dann sollte der*die privilegierte Witze-Erzähler*in tunlichst die Klappe halten. Diskriminierungsmuster werden nämlich auch durch vermeintlich lustige Bemerkungen reproduziert.


Alltagssexismus und Klappe halten

Noch immer müssen Frauen sich im Alltag, auf der Arbeit und sogar im Freundeskreis sexistische Kommentare anhören. Wenn ich einen Menschen darauf hinweise, dass etwas ein sexistischer Kommentar war, so höre ich leider selten eine ehrliche Entschuldigung. Stattdessen werde ich mit Rechtfertigungen bestürmt. Gerade als wäre ich diejenige, die etwas Diskriminierendes gesagt hätte. Auch veraltete Rollenbilder sind leider nicht aus unseren Vorstellungen, der Sprache und den Gedankenmustern verbannt. Hier zum Beispiel eine Situation, die sich vor kurzem in der Uni während einer Vorlesung ereignete: Die Professorin wollte mithilfe eines Beamers ihre Folien an die Wand projizieren. Leider gab es einige technische Schwierigkeiten. Mit einem sauren Lachen meinte sie vor dem ganzen Saal: „Ja, ja. Frauen und Technik eben.“ Als sich nach einigem Bemühen noch immer nichts tat, fragte sie in den Vorlesungssaal: „Gibt es einen Mann hier, der mir mit der Technik helfen kann?“ Sie machte ganz schön große Augen, als eine junge Frau aufstand, einige Kabel umsteckte und das Problem behob. Dies zeigt, wie festgesetzt Klischees in unseren Köpfen sind. Mich macht es traurig, dass noch immer die Unterschiede zwischen Frauen und Männern gesucht werden. Obwohl diese viel kleiner sind als die Verschiedenheiten innerhalb. Ich finde es schade, dass solche Vorurteile immer wieder verbal weitergetragen werden, sogar von Denjenigen, die dadurch degradiert werden.


Kampf dem Patriarchat!!

Der Kampf gegen das Patriarchat beinhaltet also nicht nur die Verbannung alter Rollenbilder, sondern auch eine Neudefinition von Männlichkeit und Weiblichkeit. Eine Verabschiedung von alten Klischees, Vorurteilen und Machtstrukturen. Hin zu mehr Freiheit und Liebe. Wie die Philosophin und Autorin Margarete Stokowski klar sagt: „Wir haben das Glück, […] die Kämpfe derer weiterzuführen, die damit angefangen haben […]“. Und genau das sollten wir heute tun. Zwar ist viel gewonnen, aber das gilt es nun zu bewahren und weiter voran zu gehen. Denn wie Margarete Stokowski schreibt: „Ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen“.


Hinweis: Zur Transparenz möchte ich sagen, dass ich zur Zeit der Veröffentlichung des Artikels die Schreibweise "Frauen*" verwendet habe. Ich wurde darauf hingewiesen, dass dies diskriminierend sei. Deswegen habe ich das sofort verbessert und hoffe, dass ich durch meine (vielleicht etwas zu gut gemeinte) Schreibweise niemanden diskriminiert oder ausgeschlossen habe.



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