• Valeria

Erwachsenwerden im Jahr 2020 - Wie geht es der Jugend von heute?

Ein turbulentes, stressiges und aufregendes Jahr geht zu Ende und wir wollen uns den Jahresrückblick an dieser Stelle sparen. Stattdessen gehen wir in Gedanken kurz zurück in den warmen Sommer 2020. Während die ganze Welt gespannt auf die Entwicklungen der Pandemie, der Naturkatastrophen und anderen Ereignisse schaute, wollte ich herausfinden, wie sich die Menschen in meinem Umfeld fühlen, wie es ihnen geht, was sie beschäftigt und was sie denken. Dafür habe ich ein paar Jugendliche aus meinem Umfeld angeschrieben und gefragt ob sie mir ein paar Fragen beantworten würden. Die vermutlich einzige Verbindung, die die Jugendlichen zu einander haben, ist die Tatsache, dass sie alle in einer sehr bewegten Zeit aufwachsen. Mit ihren Antworten gewähren sie einen Einblick in ihre Gedanken und ihre Sicht auf die Welt.



1.Wie ist es für dich in so einer Zeit erwachsen zu werden?


V.: Ich finde es irgendwie mit Hinsicht auf die Schule nicht schlecht für mich, da ich keine Prüfungen oder so schreiben musste. Das dachte ich am Anfang, mittlerweile finde ich, dass wir viel von unserer Jugendzeit verlieren. Ich habe den Kontakt zu meinen Freund*innen verloren und unternehme nichts mehr mit ihnen. Ich sitze fast die ganze Zeit zu Hause, während ich in der Zeit etwas Tolles machen könnte.


A.: Es ist sehr schlimm in so einer Zeit erwachsen zu werden. Alles ist gerade ein Teufelskreis. Ewig lange haben sich viele engagiert und für den Klimaschutz eingesetzt, doch jetzt sieht man wieder so viele Menschen mit Einwegmasken oder Einweghandschuhen. Auch zu beobachten, wie egoistisch und nur auf ein wirtschaftliches Denken fokussiert manche Menschen sind, macht mich traurig.


T.: Es ist schwer gerade erwachsen zu werden, weil ich keine Verantwortung übernehmen muss und eher vor mich hinlebe, abhängig von meinen Eltern, bis die Schule wieder anfängt. Gerade in diesem Alter ist ein Lockdown schädlich für die Psyche, aber man kommt da auch wieder leicht raus, wenn man anfängt wieder mit den Leuten mehr Kontakt zu haben.


F.: Ich bin sehr froh in dieser Zeit geboren zu sein. Es gab noch keine Zeit zuvor in der Menschengeschichte so sehr von Frieden, Freiheit und Wohlstand geprägt war, wie jetzt. Die Coronakrise ist nichts im Vergleich zu den vorherigen Krisen. Ich werde erwachsen in einer Zeit des Internets. Die Möglichkeiten meiner Generation scheinen also nahezu grenzenlos zu sein. Ich gehöre zu den privilegiertesten Menschen, die es gibt. Daher ist es sehr schön für mich in dieser Zeit aufzuwachsen.


R.: Es ist auf jeden Fall anders als im Vergleich zu den anderen Jahren. Man ist viel eingeschränkter, wenn es um das Rausgehen mit Freund*innen oder Reisen mit der Familie geht, was aber schließlich notwendig ist und verständlich, um das Virus einzudämmen.



2. Was sind deine Sorgen und was macht dir Angst?


M.: Im Hinblick auf die ferne Zukunft, der menschengemachte Klimawandel etc. und wie die Allgemeinheit damit umgeht und vor allem, dass sich die Situation als noch fataler entpuppen könnte als bisher angenommen. Und eine Zweite Coronawelle.


V.: Die Zukunft. Wie es weitergehen soll. Es passieren gerade so viele Dinge in kurzer Zeit. Zu viele ohne richtige Lösungen.


A.: Meine Sorge ist die Spaltung und Unvernünftigkeit der Gesellschaft. Es ist doch schließlich nicht so schwer ein Stück Stoff über Mund und Nase zu tragen. Des Weiteren macht mir Angst, wie depressiv manche Menschen durch die Isolation geworden sind. Wie schlimm muss es auch sein für alte Menschen im Pflegeheim… aber auch der ganze Tourismus der jetzt finanziell komplett eingebrochen ist.


T.: Meine Sorgen sind z. B. dass mich das System zerfrisst bevor ich die Schule beenden kann, weil es mir die Freiheit nicht gibt, das zu tun was ich will. Aber ich glaube, dass wir das System langsam verändern werden.


F.: Im Hinblick auf die ganze Politik, habe ich Sorge vor einer Trendwende: Über das gesamte 20te Jahrhundert hinweg haben sich die globalen Lebensbedingungen tendenziell verbessert, die Kindersterblichkeit ist gesunken, die Zahl der Hungertode ist zurückgegangen … Jedoch können wir in den letzten Jahren eine Verlangsamung dieses Trends beobachten. Sollte dieser sich umkehren, ist das gravierend, vor allem der Klimawandel könnte ein Auslöser dessen sein.


S.: Mir macht Angst, dass wir in die voraus gesagte Spirale fallen. Das Klima wird immer heißer und was passiert dann? Was passiert mit den Kindern und deren Kinder? Das weiß niemand. Was mir Sorgen bereitet ist die Wirtschaft und wie sie sich wiederaufbauen kann. Mir macht Sorgen, dass so viele Jugendliche an psychischen Krankheiten leiden (mich eingeschlossen) und oft in problematischen Haushalten aufwachsen.


R.: Was mir Sorgen bereitet ist, dass andere wichtige Themen durch die aktuelle Situation vernachlässigt werden, obwohl sie genauso eine Rolle spielen, wie sie es vor der Pandemie taten.



3. Welche Rolle spielt für dich die FFF oder die „Aktivismusszene“?


T.: Ich war bei FFF Demos ab und zu, aber habe seit einiger Zeit aufgehört hinzugehen, weil ich verstanden habe, dass es schwer die andere Seite zu überzeugen. Deshalb habe ich versucht mich selbst zu bessern und alle Leute in meinem Umfeld.


R.: Ich würde sagen, dass ich mich für die Aktivismusszene interessiere, jedoch kann ich nicht von mir behaupten, dass keine Wissenslücken bei mir vorhanden sind. Ich glaube, dass ich mich damit intensiver beschäftigen muss, weil es ein großes, vielseitiges Thema ist und ich erst dann behaupten kann, dass ich ausreichend informiert bin. Das Interesse ist aber auf jeden Fall vorhanden.


S.: Fridaysforfuture spiel kaum eine Rolle für mich, da ich nicht viel darüber weiß und sich keine*r in meinem engeren Umfeld mit der Thematik beschäftigt.


F.: Ich weiß es nicht. Aktivismus ist wichtig um gesellschaftliche Entwicklungen anzustoßen. Jedoch kann Aktivismus niemals radikal sein. Aktivismus braucht immer irgendein Dogma welches erstrebt wird. Dieses Ziel muss klar sein und darf nicht als Gesamtes in der Kritik stehen, da es dann nicht mehr möglich wäre Aktionen durchzuführen. Für Aktivismus braucht man ein Ziel, dieses Ziel kann ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiter begründet werden, daher kann Aktivismus niemals radikaler sein als die Wissenschaft. Aus dem genannten Grund bin ich mir unsicher ob „klassischer“ Aktivismus für mich weiterhin die richtige Form von Einfluss auf die Gesellschaft ist, ohne dabei die Bedeutung vom Aktivismus in irgendeiner Form klein zu reden.


A.: Klimaschutz ist für mich sehr wichtig. Es kann nicht sein, dass es im Meer irgendwann mehr Plastik als Fische gibt. Jedoch bin nicht aktiv auf Demonstrationen, ich lebe für mich klimafreundlich (Mülltrennung, Nachhaltige Produkte…)


V.: Ich finde es gut, dass sich so viele Jugendliche einsetzen für unsere Zukunft.


M.: Vor Corona war ich auf Demos, aber solange Corona noch ein Risiko ist, werde ich vermutlich an keiner Demonstration teilnehmen. Ich versuche vor allem meinen Lebensstil umweltfreundlich zu gestalten.



4. Was würdest du gerne verändern?


V.: Meine Einstellung. Ich bin in einem Zwiespalt zwischen „mach jetzt etwas, werde aktiv.“ Und „in Zukunft werde ich es besser machen.“ (Die Einstellung meiner Eltern)


A.: Ich würde gerne die Menschen „sozialer“ einstellen. Mich macht es sehr traurig, dass so viele Menschen rein wirtschaftlich denken und kaum füreinander da sind.


T.: Ich würde gerne den Rhythmus verändern indem sich alles bewegt. Es muss alles viel schneller und radikaler passieren. Wenn wir z. B. schneller auf Covid-19 reagiert hätten, gäbe es nicht so einen Schaden. Das gleiche denke ich mir mit dem veralteten Schulsystem und v. a. die Maßnahmen gegen den Klimawandel.


F.: Lange war ich mir sicher, ich wollte eine gerechtere Welt, hatte aber keine Ahnung was das bedeuten soll. Ich wollte mehr Klimaschutz, war mir jedoch der Verhältnismäßigkeit nicht bewusst. Heute weiß ich nicht mehr was ich für "Gut" oder für "Schlecht" halten soll. Ich will keine Urteile fällen, die zu eigentlich nur Vorurteile sind, bin mir aber bewusst geworden, dass ein jedes menschliche Urteil immer ein Vorurteil ist.


S.: Ich würde gerne verändern, dass die Leute, die wirklichen harte Jobs machen, mehr Geld bekommen und sich nicht mit Geldsorgen rumschlagen müssen. Meine Oma ist eine Pflegekraft und ich finde es unfair, dass sie für ihre Arbeit so wenig Geld bekommt, als Leute, die nur vor dem PC sitzen. Ich würde mir wünschen, dass die Leute gehört werden, die wirklich was sagen wollen, und sie nicht in den breiten Massen versinken.


Vier Fragen und sieben unterschiedliche Sichtweisen. Sieben Antworten, die vermutlich nicht weltbewegend sind. Aber sieben ehrliche und gedankenbewegende Antworten. Hätte ich mir diese Fragen selbst gestellt und anschließend in einem Text zusammengefasst, sähen sie bestimmt ähnlich aus. Die Pandemie hatte einen großen Einfluss auf das ganze Jahr, aber nicht nur sie. Wider den vielen Vorurteilen, machen sich die jungen Generationen sehr wohl Gedanken um die Erde, ihre Mitmenschen und ihre Zukunft. Und diese Gedanken wollen gehört werden. Nicht nur die der sieben Jugendlichen, sondern die Gedanken aller Kinder und Jugendlichen. Und dafür braucht es nicht einmal ein Interview oder ein Online Magazin. Es braucht nur ein offenes Ohr und Zeit.