• Charlotte von Bonin

"Du hast es doch gewollt"

Wir haben noch viel zu tun. Sehr viel.


Foto: II Pexels, Pixabay


Dunkle Baumwipfel, ein heller Mond scheint vom Himmel. Doch diese Nacht ist anders. Die Straßen sind leer, in den Fenstern ist nur dann und wann ein Licht zu sehen. Ansonsten ist es still. Auf dem rauen Kopfsteinpflaster höre ich jeden Einzelnen meiner Schritte. Mein Atem geht schnell. Laut.

In dieser lauen Sommernacht trage ich mein gelbes Lieblingskleid, höre in meinem Ohr noch die Klänge der Jazz-Band, die heute Abend in der Bar gespielt hatte. Anfangs war es ein schöner Abend gewesen. Wir saßen gemeinsam an einem großen Tisch in der hinteren Ecke der Bar. Dann jedoch, als nach einigen Stunden alle meine Freunde sich verabschiedet hatten und ich mich plötzlich allein am leeren Tisch wiederfand, fühlte ich mich seltsam leer und einsam. Und das inmitten von lachenden, tanzenden Menschen. Kurz überlegte ich zu gehen, aber eigentlich wollte ich noch der Musik lauschen. Als ein junger unauffällig wirkender Mann sich zu mir an den Tisch setzte, tat ich zunächst so, als hätte ich ihn nicht bemerkt. Eigentlich wollte ich allein sein, traute mich aber nicht, etwas zu sagen. So saß ich weiter da und horchte mit geschlossenen Augen den weichen Jazz-Klängen.

Aufs Äußere reduziert

Der junge Mann wollte scheinbar nicht ignoriert werden. Er rutschte etwas näher auf der Bank und flüsterte vermeintlich verführerisch in mein Ohr: „Schön, wie du aussiehst. Darf ich dich nach Hause begleiten?“ Ich lächelte etwas verunsichert und entgegnete ein leises „Danke“ während ich weiter von ihm wegrutschte. In mir wurden die Stimmen laut: „Ist das alles?! Meinst du wirklich, mit so einem oberflächlichen Spruch werde ich mit dir den Abend verbringen, oder die ganze Nacht?“ In meiner Vorstellung springe ich wütend auf und schlage mit der flachen Hand auf den Tisch. So laut, dass sich alle in der Bar zu mir umdrehen und die Band aufhört zu spielen. Aufrecht stehe ich da und sage: „Mir reichts. Ich habe satt so bedrängt zu werden. Ich habe es satt, auf mein Äußeres reduziert zu werden, dass Menschen nur auf mein Gesicht schauen und sich nicht dafür interessieren, wer ich als Mensch bin. Ich habe es satt, Angst zu haben meine Meinung kund zu tun!“ Nach diesen Worten drehe ich mich um in meiner Vorstellung und verlasse das Lokal.

„Ich bin mal eben auf der Toilette“

Doch stattdessen passiert nichts von alledem. Ich lache nur verlegen, hüstel etwas unsicher und rutsche weiter zur Kante der Bank. Er scheint das als Ermutigung zu verstehen und legt selbstgefällig die Hand auf meinen Oberschenkel, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Nervös zupfe ich an meinem Kleid, was etwas hochgerutscht sein muss. Nebenbei schiebe ich seine Hand weg und werfe ihm einen angewiderten Blick zu. Er grinst. „Soooo? Eine kleine widerborstige Feministin? So mag ich das. Und so wie du dich anziehst, hast du es doch wohl gewollt.“

Ich bin inzwischen an der Wand angekommen und wische unauffällig meine schwitzigen Hände an meinem Kleid ab, presse die Lippe gegeneinander. „Entschuldige, ich bin mal eben auf der Toilette“ sage ich und schnappe meine Tasche. Statt auf die Toilette zu gehen, verlasse ich auf direktem Wege die Bar. Draußen blicke ich mich gehetzt um, frage mich warum ich mich wieder nicht getraut habe mich zu wehren. Warum kann ich nicht „Nein“ sagen? Warum zur Hölle habe ich solche Angst, Menschen zu missfallen?

Meine Knie zittern ein wenig, ich gehe langsam die von Mondlicht erhellte Straße hinab. Als ich um die nächste Ecke gebogen bin blicke ich mich kurz um und sprinte dann los. Mein Kleid verrutscht wieder und ich höre immer wieder in meinem Ohr die Worte nachhallen: „So wie du dich anziehst, hast du es doch wohl so gewollt.“ Als würde ich mir mein Lieblingskleid anziehen, damit solche Arschlöcher mich begrabschen.

„Du hast es doch wohl so gewollt. Du hast es doch wohl so gewollt. Du hast es doch wohl so gewollt. Du hast es doch wohl so gewollt. Du hast es doch wohl so gewollt.“ Wieder und wieder hallt es nach.

Kein Einzelfall

Erst einige Jahre später wurde mir klar, dass dieser unscheinbar wirkende Vorfall nicht meine Schuld war. Dass nicht ich diejenige war, die sich anders hätte bekleiden müssen. Dass er derjenige war, welcher zur Verantwortung gezogen werden sollte. „Wenn du allein draußen bist und eine Frau siehst, vergewaltige oder belästige sie nicht.“ Das steht auf dem Schild einer vor mir stehenden Frau. Ich bin auf einer Demonstration gegen strukturelle Gewalt gegen Frauen. Ich kann es kaum glauben zu hören, dass Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar ist.

Heute weiß ich, dass mein Erlebnis war kein Einzelfall. Frauen sind täglich solchen Übergriffen, taktlosen Kommentaren und Gewalttaten ausgesetzt. Wenn schon das Wegschieben einer Hand auf dem Oberschenkel als „feministische Handlung“ gesehen wird, so haben wir noch einiges an Arbeit vor uns. Und noch immer wird der Satz in einigen Mündern hörbar: „Und so wie du dich anziehst, hast du es doch wohl gewollt.“

Solche Übergriffe, denen Frauen in ihrem Alltag ausgesetzt sind, sollten nicht wie im Fall von „Männerwelten“ nur einen kurzen Schock auslösen, um dann wieder vergessen zu werden. Es geht hier um ein strukturelles Problem, welches sich nicht von allein löst.

Tatsachen, dass nur 10% der sexuellen Übergriffe auf Frauen zur Anzeige gebracht werden, dass online Belästigung nahezu immer straffrei verläuft, dass 1 von 3 Frauen in ihrem Leben sexuelle Übergriffe erlebt und dass diese Taten noch immer mit Kleidungsstücken gerechtfertigt werden, sind Beweis genug, dass wir noch viel tun müssen.

Und es ist nicht Aufgabe der Opfer sich anders zu kleiden, sondern es ist an dem potentiellen Täter es auf keinen Fall zu tun. Oft denke ich an den Moment zurück, in dem ich nicht aufgestanden bin und meinen Mund aufgemacht habe. Dennoch ist es genauso geschehen. Und es war kein Einzelfall.



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