• Charlotte von Bonin

Die Welt macht uns kaputt

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Wenn der Weltschmerz wieder einschlägt. Ein Kommentar















Weltschmerz ist ziemlich niederschmetternd I

Photo by Charlotte von Bonin


"Es wird schon alles gut". Dieser Affiramtionssatz schwirrt mir durch den Kopf. Immer und immer wieder. Ich hoffe einfach, dass der Weltschmerz vergeht wie ein Liebeskummer, der hoffentlich irgendwann vergessen zu sein scheint. Leider vergeht dieser Schmerz nicht. Denn er wird ständig erneuert.

Je mehr ich über die Welt erfahre, desto größer wird mein Weltschmerz.


"Das ist doch voll schlimm, sei mal nicht so negativ" und "Jetzt übertreib mal nicht. Du steigerst dich da doch nur rein" sind Sätze, die ich oft höre. Sie drücken ein tiefes Unverständnis für diese besondere Art von Schmerz aus.


Lange dachte ich auch, dass dieser blöde Weltschmerz einfach nur negativ und scheiße ist. An dieser Stelle ist es mir jedoch wichtig zu betonen: Weltschmerz entsteht nicht aus einer Ablehnung der Welt gegenüber. Denn: Ich kann nur Schmerzen empfinden für etwas, das mir am Herzen liegt. So ist der Weltschmerz, der viele junge Menschen in meinem Umfeld umtreibt und oftmals innerlich zerfrisst ein Zeichen für eine tiefe Verbundenheit mit der Welt und der wunderschönen Natur. Nichtsdestotrotz ist Weltschmerz unglaublich belastend und kann bis in diese tiefste, lähmende Verzweiflung führen.

Doch nicht nur Verzweiflung, sondern auch eine stumme Resignation, oder Angstzustände sind damit verbunden.

Sinnlosigkeit und Schmerz

"Ich kann gar nichts mehr machen und würde am liebsten nur noch weinen ", erzählt eine junge Aktivistin während eines Seminares. Einige Personen nicken.

"Ich frage mich, ob wir zu kaputt sind für diese Welt" sagt ein jugendlicher Mensch schmerzvoll in einem Gespräch. Sind wir "zu kaputt" oder ist es die Welt für uns?

All diese Gefühle sind mir nicht unbekannt. Auch die Angst, dass alles was ich tue keinen Sinn mehr ergibt. Jedoch - diese Leere und Sinnlosigkeit packt mich im Moment nur selten. Das liegt daran, dass ich sehr viel zu tun habe und so genug Ablenkung erfahre. Aber nicht nur. Es liegt auch an einer Entscheidung, die ich in einer Krisenzeit für mich selbst traf.


An einem Abend vor etwa einem Jahr schreibe ich in mein Tagebuch: "Wenn ich vom Weltschmerzmeer davon gespült werde in den Ozean der Schuld, der Trauer und der Wehmut, verliere ich mich selbst. Ich wünschte, andere Menschen könnten mir dabei helfen, in diesem Ozean zu schwimmen, aber im Moment fühlt es sich wie ertrinken an. Die Krisenhaftigkeit unserer Zeit, die Bedrohungen, die Ungerechtigkeit, das Leid hinterlässt in mir Spuren.

In einer Sekunde tut es nur weh, in der nächsten fühle ich mich schuldig, weil ich in meiner privilegierten Position «nur rumheule» und nichts verändere. Ich bin gefesselt und weiß nicht was ich tun kann, darf, soll oder sogar muss."

Eine Entscheidung

Doch was bringt es, wenn ich gelähmt vom Schmerz im Bett liege? Leider ist das meistens keine freiwillige Entscheidung. In den Weltschmerz-Momenten gibt es oft keine andere Möglichkeit, mit den überwältigenden Gefühlen umzugehen.

Ich hatte das Glück, dass ich immer wieder aufgefangen wurde in einer Weltschmerz-Phase, die scheinbar einfach zum Leben eines jungen Menschen in dieser Welt gehört. Das letzte Mal konnte ich sehr viele, lange Gespräche führen und spürte auch innerhalb der Fridays for Future Ortsgruppe ein großes Verständnis. Alle kennen ihn, den Weltschmerz.

Ich lernte, die Trauer anzunehmen mit dem Wissen, dass sie der Ausdruck tiefster Weltliebe ist.

Obwohl ich oft abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit empfinde, habe ich für mich eine Entscheidung getroffen: Ich will daran glauben, dass wir es schaffen. Ich will Hoffnung haben. Und das mag naiv sein oder gutgläubig. Aber es ist meine Entscheidung.

Als Klimaaktivistin werde ich immer wieder von apokalyptischen Zukunftsprognosen überschwemmt. Als Mensch betrifft mich das Leid von anderen Menschen und Tieren, von der Natur. Ab und zu gönne ich mir eine Auszeit von den Schreckensmeldungen. Ich distanziere mich bewusst um mich selbst zu schützen. Nichtsdestotrotz habe ich dabei ein merkwürdiges Bauchgefühl, da ich mir bewusst bin, dass dies eine sehr privilegierte Handlungsweise ist. Ich kann mich zurückziehen, und für andere Lebewesen gehört Leid, Ungerechtigkeit und Schmerz zum Alltag.

Bis jetzt habe ich noch keinen Umgang gefunden, der mich ganz zufrieden stellt.


Doch eines kann ich für mich selbst sicher sagen: Ich habe viel Hoffnung in mir und die möchte ich schützen und bewahren.

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