• Michi

Are you fracking kidding me?

Was Kolonialismus und Klimakrise gemeinsam haben - ein Wochenende bei Ende Gelände.

Es ist der 31. Juli. Der Tag beginnt grau bewölkt, der Morgen ist kalt und um unsere Ohren pfeift ein starker typisch norddeutscher Wind. Wir sind in Schleswig-Holstein, irgendwo nördlich von Hamburg. Das Wetter wird nicht besser, also kriechen wir aus den Schlafsäcken und steigen aus unserem stickigen aber gemütlich warmen Zelt. Wir ziehen die Schals etwas enger um unsere Hälse und stapfen durch die Wiese Richtung Campinggelände.


Auch wenn es erst 8 Uhr morgens ist, ist das Camp voller Menschen. Voll bepackt mit Wanderrucksäcken, teilweise haben sie Isomatten und Schlafsäcke außen festgezurrt, teilweise noch Gitarren umgeschnallt, stehen sie in Grüppchen herum und warten. Einige tragen gelbe Dreieckstücher um das Gesicht, andere tragen rote Masken, wieder andere tragen Pinke Bänder oder Perücken und viele von ihnen haben sich schon die charakteristischen Maleranzüge übergezogen. Die Aufregung und der Tatendrang sind schon greifbar und fegen jegliche Müdigkeit weg. Es ist wieder Zeit für Ende Gelände.

Auf Gehts Ab Gehts | Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0

Wir schließen uns den Menschen mit den roten Masken an und begleiten den mehrere hunderte Menschen starken roten Finger in Aktion. Nachdem der Finger – mit etwas Verspätung – unter tosendem Applaus aus dem Camp gezogen ist, geht es erst einmal durch eine beschauliche Wohnsiedlung. Die Kleinstadt Brunsbüttel zählt etwas über 10.000 Einwohner*innen. Von ihnen sieht man jedoch wenig, denn es ist kaum etwas los an diesem Samstagmorgen. Vereinzelt schauen skeptische Menschen aus ihren Fenstern, manche jubeln den Aktivist*innen jedoch auch zu oder winken ihnen unterstützend. Die Sprechchöre und Ansagen, die durch das Megafon angestimmt werden, machen deutlich worum es hier geht: Klimagerechtigkeit und Neokolonialismus.


Kolonialismus und Klimakrise seien verbunden, betont Elia Nejem, eine der Pressesprecherinnen von Ende Gelände auf der Pressekonferenz. Die Industrialisierung und der damit verbundene Wirtschaftsboom von Ländern wie Deutschland - die wiederum maßgeblich die Klimakrise befeuern - sei nur durch die Ausbeutung von indigenen Menschen und Menschen im globalen Süden möglich gewesen. Dort würden Verbrechen begangen, die Gewinne abwerfen. Verbrechen, die bei uns verboten sind. Verbrechen wie Fracking. Christopher Basaldú, ein indigener Aktivist aus Texas, kann aus erster Hand von solchen Verbrechen berichten. Die Landschaften seiner Heimat würden zerstört für Europas Gemütlichkeit und Reichtum. Die Leidtragenden davon sind vor allem die indigenen Bewohner*innen.


„Das ist eine Fortführung von 500 Jahren Kolonialisierung von Land, das ihnen nicht gehört.“

Der Weg führt den Finger weiter durch die deutsche Kleinstadt, bis zum Nord-Ostsee-Kanal, den sie erst einmal - auf mehrere Male aufgeteilt, weil sie so viele sind – mit der Fähre überqueren müssen. Ab jetzt ist nichts mehr von diesem ruhigen Kleinstadtflair übrig, wir befinden uns mitten in einem riesigen Industriegebiet. Hier sind sind dutzende Firmen ansässig, ein großer Teil davon aus den Bereichen der Ölförderung und -verarbeitung, sowie der Energieerzeugung. Die Polizeipräsenz ist spätestens jetzt bemerkenswert, den Finger umgeben mehr Polizeiwägen, als ich zählen kann, sie stehen die ganze Straße vor und hinter ihnen soweit ich sehen kann. Mittlerweile bewegt sich der rote Finger nur noch umringt von Polizist*innen. Unzählige Male werden sie angehalten um nach einer mehr oder weniger langen Zeit wieder weiter gehen zu dürfen, unzählige Male müssen die Polizeikontakte des roten Fingers mit den Einsatzleitern diskutieren um ihr Demonstrationsrecht durchsetzen zu können. Irgendwann dürfen sie jedoch weiter gehen, an immer mehr Firmen vorbei, immer weiter entlang von Rohren.


Diese fossilen Strukturen würden jetzt gerade im Schatten des Kohleausstiegs festgesetzt um weiterhin Profit zu machen, mahnt Christoph Zerger, von der deutschen Umwelthilfe. Mit einer Laufzeit von mindestens 30 Jahren und einem voraussichtlichen Betrieb ab 2026 kann eine Klimaneutralität 2045 - das von der Bundesregierung sowieso schon viel zu niedrig gesteckte Ziel – gar nicht mehr erreicht werden. Dies stelle eine unüberwindbare Hürde dar.

Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0

Wir passieren auf unserem Weg durch das Industriegebiet gerade ein Fabrikgelände, als der rote Finger den ersten Versuch macht von der Straße auszubrechen, direkt in Richtung Einfahrt des Ölkonzerns. Die Polizei antwortet darauf mit Schubsen, Treten und Pfefferspay. Einige Aktivist*innen werden mit Schmerzgriffen aus der eingekesselten Menschentraube herausgezogen und bleiben anschließend am Boden liegen. Danach brauchen alle erst einmal eine Pause, die Aktivisti erholen sich von der Gewalt, einige müssen von Demosanitäter*innen behandelt werden.

Diese Form von staatlichem Schutz gegenüber Konzerninteressen ist Standard in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem. Doch in anderen Ländern wird noch viel extremer gegen Widerstand vorgegangen als hier in Deutschland. Esteban Servat engagiert sich bei Shale must Fall und berichtet aus Argentinien, seinem Herkunftsland, dem Land mit einem der größten Gasvorkommen der Welt. Dort würde Aktivist*innen Vertreibung, Haftstrafen und sogar Mord drohen. Er gründete mit zwei Wissenschaftler*innen EcoLeaks, eine Seite auf der sie den Umweltverträglichkeitsbericht einer Pilotbohrung eines Fracking-Konzerns veröffentlichten. Dieser zeigte, dass bereits nach dieser ersten Bohrung der Grundwasserspiegel kontaminiert war. Nach dieser Veröffentlichung folgten für ihn zahlreiche konstruierte Strafverfahren und Drohungen bis hin zu Todesdrohungen, weswegen er schließlich seine Heimat verlassen musste.


„Jeder Widerstand impliziert große Risiken!“

Die europäischen Länder würden Verbrechen begehen, die sie zu Hause nicht begehen dürften. Der Unterschied zu früherem Kolonialismus sei allerdings: Europa wird auch von den Folgen – der Klimakrise - betroffen sein.


Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0

Nachdem sich alle mehr oder weniger von dem Erlebten erholt haben, geht der rote Finger weiter. Allerdings wird ihm nicht viel Zeit gelassen, denn kurz darauf werden die Aktivist*innen wieder eingekesselt und müssen die nächsten drei Stunden auf einer Brücke zwischen Industriegebäuden verbringen. Nach noch mehr Diskussionen mit der Polizei dürfen sie wieder weiter gehen – es ist schon längst Abend geworden – zurück Richtung Camp. Auf dem Rückweg gelingt den Aktivist*innen nochmal ein Ausbruchsversuch. An einer Kreuzung biegt der erste Teil des Fingers plötzlich rechts ab und während die überraschte Polizei zu ihnen rennt um ihnen den Weg zu versperren gelangen einige Menschen auf die Gleise und auf eine Pipeline nebenan. Sie schaffen es kurz dort zu bleiben, dann werden sie auch hier wieder gewaltsam von der Polizei zurück getrieben. Nach einem weiteren längeren Aufenthalt an der Wegkreuzung dürfen sie schließlich ins Camp zurückkehren.


Strong in Solidarity | Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0

Alle Aktivist*innen sind müde und erschöpft von dem langen Tag. Sie haben es geschafft eine Menge Polizeikräfte zu binden und konnten mit einigen Hunderten Menschen ihren Protest auf die Straßen tragen. Auch insgesamt gesehen, war das Wochenende ein voller Erfolg: Der pinke Finger hatte den ganzen Tag über Schienen blockiert, der gelbe Finger konnte seine Schienenblockade sogar über Nacht halten, der blaue Finger blockierte über Stunden mit Kanus den Nord-Ostsee-Kanal, eine der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt, und die antikoloniale Attacke war in Hamburg mit einer lauten Demonstration vertreten. Zurück im Camp überwiegt bei allen die Freude. Tausende Aktivist*innen waren dieses Wochenende in Aktion und sie haben ein Versprechen gegeben: Sie werden wiederkommen. Für einen sofortigen Ausstieg aus Kohle, Gas und Öl.


Ben Engelhard | CC BY-SA 2.0